Zurück

Europäische digitale Ethik: Schlüssel zur Rückeroberung der Datenhoheit

Digitale Ethik zu etablieren, sollte Aufgabe jedes Unternehmens sein.
Bild: © alfa27 / Adobe Stock

Marktdominanz gegen jeden Zweifel

Europäische Unternehmen sucht man in der globalen Rangliste der 20 erfolgreichsten Internetunternehmen vergeblich. Die Top 20 machen ausschließlich amerikanische und chinesische Unternehmen unter sich aus. Die Dominanz der GAFAM-Tech-Giganten, Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft, ist ungebrochen und bindet nahezu rund um den Globus und eben auch in Europa die überwiegende Mehrzahl von Konsumenten an ihre Produkte.

Die meisten Konsumenten geben zwar an, dass ihnen der Schutz Ihrer Daten wichtig sei und sie bewusst mit ihren Daten umgehen würden, allerdings hindert dies kaum jemanden daran, Dienste wie Instagram, Facebook und Google intensiv zu nutzen oder digitale Sprachassistenten wie Amazons Alexa zu installieren. Hier wird eine klare Diskrepanz zwischen den Wünschen und Bedürfnissen der Nutzer und ihrem Handeln erkennbar, denn anhand nahezu jedes Social-Media-Profils lassen sich Interessen und Konsumpräferenzen eines Users mit bloßem Auge ablesen.

Die Nutzer übergeben die Hoheit über ihre Daten damit in die Hände der amerikanischen Tech-Konzerne, die diese exklusiv nutzen können, um den jeweiligen User in ihrem Sinne – oder vielmehr im Sinne eines zahlenden Werbetreibenden – zu beeinflussen. Transparenz, wem die Daten letztendlich zugänglich gemacht werden und wer sie für seine Zwecke einsetzt, ist in keiner Weise gegeben.

 

Der manipulierbare, gläserne Kunde ist längst Realität und das ist vielen völlig klar – aber ist es deshalb auch ethisch vertretbar?

Ohne digitale Ethik verlieren alle

Dass sich werbungtreibende Unternehmen diese Daten zunutze machen, um Kunden im Rahmen von Programmatic Advertising oder Retargeting-Maßnahmen möglichst zielgenau zu adressieren, ist dem Nutzer längst bewusst. Während allerdings genau jene europäischen Unternehmen, die auf Social-Media-Plattformen werben, gleichzeitig behaupten, ihnen lägen Datenschutz und die Sicherheit der persönlichen Daten ihrer Kunden am Herzen, ist inzwischen eine breite Nutzerschaft in der Lage, das als blanke Heuchelei zu entlarven. Das Vertrauen in die Marke schwindet. Und Vertrauensverlust ist bekanntlich der Beginn des Markentods.

Das Problem in Kürze zusammengefasst:

  • Die Datenmenge über deutsche und europäische Konsumenten in Händen amerikanischer Tech-Giganten wächst stetig weiter,
  • ihr wachsender Einfluss auf die europäischen Märkte erstickt potenziellen Wettbewerb im Keim und erhöht die Abhängigkeit ganzer Branchen von ihren Datenpools und
  • das Misstrauen gegenüber deutschen und europäischen Unternehmen, die sich dieser Daten durch hohen Kosteneinsatz bedienen, um ihre Zielgruppe bestmöglich zu adressieren, wächst.

Eine Lose-Lose-Situation. Die Lösung: eine europäische digitale Ethik.

Digitale Ethik in Deutschland: Datenschutz und gut?

Ernüchternd fiel im letzten Jahr das Ergebnis einer Erhebung der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC zum Thema digitale Ethik aus: Nur 50 Prozent der befragten 300 Unternehmen ab einer Größe von 50 Mitarbeitern schätzen sich selbst beim Thema digitale Ethik als gut aufgestellt ein, weniger als ein Viertel hat seine Standards digitaler Ethik ausformuliert.

Selbst bei denjenigen Unternehmen, die sich selbst ein gutes Zeugnis ausstellten, liegt jedoch der Schwerpunkt vorrangig auf der Einhaltung des Datenschutzes und der Umsetzung der Digitalisierung. Ein grundlegendes Verständnis für die Ganzheitlichkeit des Begriffs „digitale Ethik“ und für die Tatsache, dass dieser weit über die Einhaltung der GDPR (General Data Protection Regulation, Datenschutz-Grundverordnung) hinausgeht, ist kaum vorhanden.

Um das Vertrauen von Kunden zu gewinnen und sie nachhaltig zu binden, ist jedoch ein bewusster Umgang mit und eine transparente Kommunikation digitaler Ethik unerlässlich. „Kunden, die vertrauen, verhalten sich loyaler und sind eher bereit, Informationen zu teilen“, ist Daniela Hanauer, Partnerin und Expertin für das Thema Risk Consulting bei PwC Deutschland überzeugt. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit der Digitalisierung würde die Beziehung zu Kunden und anderen Stakeholdern signifikant verbessern. Eine systematisch praktizierte digitale Ethik ist hierfür unerlässlich.

Zukunftsweisende Technologieentwicklung führt nur über digitale Ethik

Auch um die nächsten Zukunftsthemen, beispielsweise die Entwicklung von KI in verschiedensten Anwendungsbereichen, nicht von vorneherein kampflos allein den Tech-Giganten der USA und China zu überlassen, ist es wichtig, die Datenhoheit zurück nach Europa zu holen. Diese Daten müssen gleichzeitig aber auch für die Forschung und Entwicklung datenbasierter und von Datenanalysen abhängiger Zukunftstechnologien hierzulande nutzbar gemacht werden.

Für Unternehmen in Europa bedeutet dies:

  • Verantwortung für ihre digitale Ethik selbst in die Hand zu nehmen
  • Gesellschaftliche Verantwortung für ihr digitales Handeln zu übernehmen
  • Transparente und wahrhaftige Kommunikation der Datennutzung gegenüber dem Kunden zu pflegen
  • Vertrauen gegenüber der Zielgruppe durch nachhaltige Verbesserung der Datenbeziehung zurückzugewinnen

Digitale Ethik etablieren: Was können Unternehmen tun?

Als ersten wichtigen Schritt, um diese Ziele umzusetzen, sollten Digitalunternehmen eine umfassende Strategie erarbeiten, wie jeweils unternehmensspezifisch ein

  • verantwortungsvoller Umgang mit Kundendaten und
  • neuen Technologien sowie
  • ein Maximum an Transparenz gegenüber der Zielgruppe und bestehenden Kunden

gewährleistet werden kann. Es gilt, eine umfassende CDR (Corporate Digital Responsibility) im Unternehmen, seiner Kultur, seiner Ausrichtung und seiner Strategie zu implementieren. Es gilt, kurz gesagt, Haltung zu zeigen. Der Kunde muss ein Maximum an Transparenz erleben und vor einer Kaufentscheidung genau wissen, welche Daten aus welchen Quellen das Unternehmen nutzt und welche Ziele es damit verfolgt.

Allein, es mangelt momentan noch am dazu befähigten und entsprechend ausgebildeten Personal. Eine umfassende unternehmensinterne digitale Ethik kann nicht von einem Datenschutzbeauftragten implementiert werden. Einen unternehmensinternen Beauftragten für digitale Ethik oder gar einen Ethik-Rat wie ihn beispielsweise SAP installiert hat, weist bislang nur jedes fünfte Unternehmen in Deutschland auf. Hier besteht also dringender Ausbildungsbedarf.

Digitale Ethik als politische und gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Solche unternehmensinternen und -spezifischen CDR-Strategien sollten jedoch in ein umfassendes Informations- und Bildungsprogramm eingebettet werden, welches die Politik auf europäischer Ebene forcieren muss. Der Konsument sollte generell darüber aufgeklärt werden,

  • warum Unternehmen bestimmte Daten erheben,
  • inwiefern die Erhebung bestimmter Daten für die Forschung und die Entwicklung unerlässlich ist,
  • inwiefern diese Weiterentwicklung für die Wettbewerbsfähigkeit nationaler und europäischer Unternehmen unverzichtbar ist und
  • in welcher Weise der Konsument letztendlich davon profitiert.

Die Mission lautet, einen auf europäischen Werten basierenden Umgang mit Konsumentendaten zu etablieren, der einerseits mit einem entsprechenden kulturell verankerten Menschenbild in Einklang steht und der andererseits die notwendige Akzeptanz in der Bevölkerung schafft, Daten für die Entfaltung von Forschung und Innovation zur Verfügung zu stellen.

Nur dieser Weg würde erlauben, mittelfristig die Datenhoheit über die persönlichsten Daten hunderter Millionen Europäer nicht nur aus den Händen amerikanischer Großkonzerne zurückzugewinnen, sondern auch vor dem direkten Abfließen in die Hände chinesischer Tech-Giganten zu bewahren.

Diese Story teilen