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Sprinter statt Schlitten? Das beschert Logistik 4.0 dem E-Commerce

Online-Händler könnten stärker von den Errungenschaften der Logistik 4.0 profitieren.
Bild: © 🇨🇭 Claudio Schwarz | @purzlbaum / Unsplash

Logistik 4.0: besser on demand

Auf den Punkt genau jedes Produkt an jeden Standort in kürzester Zeit liefern zu lassen – das ist zunehmend die Erwartungshaltung einer jungen Generation von Verbrauchern. Gleichzeitig wächst der Anspruch an immer individueller produzierte Erzeugnisse. Die Industrie und Lieferdienste, allen voran Amazon, sind willens, diesem Wunsch zu entsprechen und setzen sich immer ehrgeizigere Ziele, um die Lieferzeiten weiter zu verkürzen. Der E-Commerce auf seinem rasanten Weg zum Q-Commerce (Quick Commerce) ist somit ein wesentlicher Treiber der Entwicklungen im Logistik-Bereich.

Momentan ist es vor allem kontinuierliche technologische Innovation, die praktische Anwendung findet, um in einzelnen Segmenten schlaglichtartig bestimmte KPIs zu optimieren. Im Fokus stehen vor allem die Verbesserung von:

  • Lieferzeit
  • Lieferzuverlässigkeit
  • Lieferfähigkeit
  • Lieferflexibilität

Letztendlich geht es also momentan noch um die Optimierung des Servicegrades, um gesteigerte Kundenbedürfnisse in bestmöglichem Maß zu befriedigen.

Realität ernüchtert: Dienstbote statt Drohne, Sprinter statt Santas Schlitten

Das Weihnachtsgeschäft ist ohnehin alljährlich die Feuertaufe für die neu etablierten Prozesse in der KEP-Branche (Kurier-Express-Paket). Durch den auch hierzulande immer populärer werdenden Black Friday verlängert sich die Hauptsaison des E-Commerce noch weiter nach vorne. Im ersten Jahr der neuen Normalität, dem Jahr der Corona-Pandemie, sehen wir eine nochmals verschärfte Situation.

Mit einem Zuwachs von 15 bis 20 Prozent Lieferungen an Privatpersonen im Vergleich zum Vorjahr rechnet der Bundesverband für Paket & Expresslogistik (BIEK). Voraussichtlich müssen rund 420 Millionen Pakete im Rahmen des Weihnachtsgeschäfts zugestellt werden.

Laut einer Studie von Accenture und Geodis möchten 64 Prozent der Online-Händler ihre Abhängigkeit von virtuellen Marktplätzen verringern, haben selbst aber zu große Defizite in Bezug auf die eigenen logistischen Möglichkeiten. Mehr als die Hälfte der Online-Händler ist aus diesem Grund nicht in der Lage, das E-Commerce-Potenzial voll auszuschöpfen. Die Gründe sind vor allem:

  • Kapazitätsengpässe in der Supply Chain
  • Kapazitätsengpässe im Fulfillment
  • Steigende Logistikkosten und damit sinkende Margen

Bereits im ersten Halbjahr 2020 führten Lockdown und Kontaktbeschränkungen zu einem sprunghaften Anstieg der Versandmengen. Ein Anstieg des Sendungsvolumens von 7,4 Prozent an B2C-Kunden im Vergleich zum Vorjahr konnte verzeichnet werden, andererseits aber auch ein Rückgang von 7,6 Prozent im B2B-Bereich. Allen Ankündigungen von Automatisierung der Paketzustellung zum Trotz, ist der Bedarf an Personal immens: DHL-Express hat weltweit 10.000 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angestellt. Temporär sollen etwa 30.000 zusätzliche Saisonarbeitskräfte die erhöhte Nachfrage im Weihnachtsgeschäft befriedigen.

Wie viel Auftrieb braucht die Drohne noch?

Logistik 4.0 als Gefahr für Lohnarbeitsplätze im Logistiksektor? Bislang offenbar ganz im Gegenteil. Zumindest solange die Entwicklung, Herstellung und Wartung von Lieferdrohnen noch weniger rentabel ist, als Arbeitskräfte einzusetzen. Entsprechend hoch ist der Bedarf an Dienstboten, Kraftfahrern, Lieferfahrern, Fahrradkurieren und anderen niedrig qualifizierten Arbeitskräften im Logistiksektor. Wird der zunehmende Mangel derartiger Arbeitskräfte angesichts der steigenden Nachfrage zum weiteren Treiber nicht nur für weitere technologische Innovation, sondern für die tatsächliche Adaption, Integration und Anwendung dieser Technologien auf dem Weg zu Logistik 4.0?

Tatsächlich ist diese Betrachtungsweise zu einseitig, denn für komplexe Verfahren und die Implementierung technischer Neuerungen und digitaler Systeme steigt natürlich der Bedarf an entsprechend gut ausgebildeten Experten – Kräfte, die ebenso schwer zu finden sind wie klassische Lagerlogistiker oder Zusteller.

Aus Lieferkette wird Logistiknetzwerk

Was charakterisiert Logistik 4.0, was macht sie aus? Wie auch in der Industrie 4.0, Arbeit 4.0 oder bezüglich Leadership 4.0 ist es vor allem die Abkehr von festen, etablierten und festgeschriebenen Prozessen, die die Welt der Logistik in ihrem Wesen beschreibt. Sie muss ständig hinzulernen, sich ständig an sich kontinuierlich wandelnde Anforderungen anpassen und sich im Zuge ihrer Umsetzung selbst transformieren können.

So ist Logistik 4.0 vor allem als Netzwerk sämtlicher an der Wertschöpfung beteiligten Unternehmen und Akteure zu verstehen. Die dadurch erheblich gesteigerte Komplexität von Logistiksystemen erfordert ein gänzlich anderes Verständnis und die Ausschöpfung anderer Möglichkeiten, als es beim Modell der klassischen Lieferkette der Fall war. Dies erfordert unter anderem:

  • Entwicklung von dezentralen Lager- und Lieferkonzepten
  • Schaffen von Schnittstellen und Vernetzen der eigenen Systeme mit anderen Akteuren des Wertschöpfungssystems auf globaler Ebene
  • Einsatz neuer Technologien, Kundenaufträge und -anfragen noch effizienter und effektiver bearbeiten zu können
Das Symbol der Logistik 4.0 ist die Lieferdrohne. Wie realistisch ist das Szenario?
Bild: © m.mphoto / Adobe Stock

Wie kann der E-Commerce daran teilhaben und was hat er davon?

Wie können Online-Händler von den Entwicklungen auf dem Weg zur Logistik 4.0 profitieren und ihr Fulfillment selbst optimieren? Folgendes sollten E-Commerce-Treibende beachten:

#1 Netze wirken: Dezentrale Lager und Cross-Border-Logistik

Grenzüberschreitende Warentransporte verlängern Lieferzeiten und führen mitunter zu schwer kalkulierbaren Versandkosten. Lösungsansätze liefert die Cross-Border-Logistik. Als Online-Händler bietet es sich an, Warenlager in geografischer Nähe zu wichtigen Absatzmärkten zu etablieren. Werden Bestellungen aus mehreren dezentralen Logistikzentren zugestellt, werden Versandwege und -kosten reduziert, die Versandgeschwindigkeit erheblich erhöht, für den Kunden fallen nur nationale Versandkosten an. Delivery Hero beispielsweise setzt im Rahmen seiner Q-Commerce-Strategie gerade verstärkt auf ein solch dezentrales, aber extrem engmaschiges Warenlager-Konzept. Das Ziel ist es, jeden Kunden in Städten innerhalb von fünf Minuten mit Fahrradkurieren beliefern zu können.

#2 Fokus Fulfillment: Alternative Wege des Versands

Damit es zu Spitzenzeiten und in den Monaten besonders hohen Bestellaufkommens nicht zu logistischen Engpässen beim beauftragten Logistikunternehmen kommt, tun Online-Händler gut daran, mehr als nur einen Versanddienstleister zu nutzen, um bei Bedarf schnell ausweichen zu können. Immer mehr Ideen der Shares Economy finden Einzug in die Logistikbranche.

In Schweden ist schon seit 2013 die DHL-App MyWays verfügbar, die es Berufstätigen ermöglicht, auf dem Heimweg von der Arbeit Pakete für sich und ihre Nachbarschaft mitzunehmen. In den USA arbeitet unter anderem Uber mit UberRush an innovativen und kostengünstigen Pakettransportkonzepten. Konzepte für Social Delivery und Bring Buddies gibt es reichlich, der Trend geht klar in Richtung der Vervielfältigung der Zustellungsoptionen.

#3 Kontrolle geht nur über Daten

Es mangelt vielen Online-Händlern nicht nur an der Möglichkeit, Echtzeit-Key-Performance-Indikatoren für ihre Lieferkette zu erhalten, sondern darüber hinaus auch an Analysefähigkeiten, diese Daten selbst zu generieren oder zu prozessieren. Eine Echtzeit-Transparenz der Lieferkettenbestände ist aber beispielsweise unerlässlich, um

  • Produktverfügbarkeiten sicherzustellen und Stock-outs zu vermeiden,
  • die passende Versandmöglichkeit anzubieten,
  • den Kunden über den Versandstatus auf dem Laufenden zu halten.

Grundvoraussetzung für effiziente E-Commerce-Fulfillment-Prozesse ist also die Integration von Online-Absatzkanälen mit den Fulfillment-Servicepartnern oder der Inhouse-Logistik. Auch hier zeigt der Trend also in Richtung zunehmender Vernetzung: Geschäfte und Logistik-Servicepartner müssen sich in E-Commerce-Netzwerken zusammenfinden, um Agilität im Fulfillment-Prozess und Verfügbarkeit zu gewährleisten.

#4 Logistik nicht als One Way begreifen

Umständliche Retourenprozesse sind einer der Hauptkritikpunkte der Kunden an Online-Händlern. Besonders nach dem stressigen Weihnachtsgeschäft gilt es, eine gewaltige Flut an Retouren im Sinne der Kundenzufriedenheit schnell und reibungslos abzuwickeln. Wer Logistik neu denkt und sich zu E-Commerce- und Fulfillment-Netzwerken zusammenschließt, sollte diesen Aspekt der Rückführungslogistik (Reverse Logistics) auf keinen Fall geringschätzen.

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