Endlich skalierbar: Virtual Try-On im E-Commerce

Virtual Try-Ons (VTO) werden durch KI in der Fashion-Welt zum Gamechanger: Sie boosten Conversions und minimieren Retouren. Was heißt das für die Branche und was können andere Branchen daraus lernen?

Eine Frau mit Smart Glasses simuliert Virtual-Try-On-Technologie
Bild: © textbest / Canva Pro

Pain Points des Fashion E-Commerce

Auch wenn Mode sich stetig wandelt, musste die Online-Fashion-Branche in den letzten Jahrzehnten unverändert zwei zentrale Pain Points aushalten:

  • Potenzielle Kund:innen konvertieren nicht, weil sie nicht sicher sind, wie bestimmte Kleidungsstücke oder ein Make-up an ihnen aussehen.
  • Kund:innen bestellen Kleidung in mehreren Größen und schicken Exemplare zurück, die ihnen nicht passen.

    So nachvollziehbar dieses Verhalten der Kund:innen auch ist: Es kostet den Handel enorm viel Geld. Expert:innen bezeichnen Retouren mittlerweile schon als Silent Killer der Fashion-Industrie. Zahlen aus den USA zeigen, welches Ausmaß sie mittlerweile angenommen haben:

    • Die National Retail Federation (NRF) schätzt, dass im Jahr 2025 19,3 Prozent der Onlinekäufe von Mode retourniert wurden.
    • Die Gen Z führt diesen Trend an: Customer zwischen 18 und 30 Jahren haben in den USA im Jahr 2025 durchschnittlich fast acht Kleidungsstücke zurückgegeben.

      Virtual Try-On: Pain Killer für die Modebranche

      Virtual Try-On Tools, die es Kund:innen online ermöglichen, Produkte anzuprobieren, existieren seit mehr als zehn Jahren. Allerdings waren sie meist noch zu teuer, zu aufwendig und zu fehleranfällig: Brands mussten 3D-Produktdaten einpflegen, damit die teilweise sehr teuren Tools die virtuellen Kleidungsstücke mehr schlecht als recht mit dem notdürftig ausgeleuchteten Bildmaterial der Nutzer:innen kombinierten.

      Der Gamechanger im Bereich der Retail Technology heißt wieder einmal: generative AI. Moderne VTO-Tools nutzen neue Technologien, um aus standardmäßigen Produktfotos 3D-Modelle zu erzeugen, die verschiedene Schnitte und Stoffe simulieren können.

      Arnold Pötsch (concept to market), leitender Autor des Papers „3D im E-Commerce“ innerhalb der Working Group Immersive Experiences im BVDW, fasst die Entwicklung so zusammen: 

      Porträt von Arnold Pötsch
      Bild: © Arnold Pötsch

      „Die Technologie hinter Virtual Try-On (Computer Vision, KI und Echtzeit-Rendering) hat sich im Jahr 2026 derart weiterentwickelt, dass sie zu einem klaren Wettbewerbsvorteil für innovative Händler geworden ist. Durch präzises Face- und Body-Tracking verschwimmen die Grenzen zwischen physischem Produkt und digitalem Zwilling. Für den Handel ist dies der Schlüssel zu einem personalisierten Einkaufserlebnis, geringeren Retouren und mehr Nachhaltigkeit.“ 

      Arnold Pötsch (Working Group Immersive Experiences im BVDW)

      Virtual Try-On: Technologie mit starkem ROI

      VTO-Technologie in Online Shops ist mittlerweile ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. Das liegt vor allem an drei Vorteilen von Virtual Try-On Tools.

      1. Vorteil von Virtual Try-On Tools: Mehr Conversions

      Unsicherheit ist ein großes Hindernis für eine positive Customer Experience im Fashion E-Commerce. VTO nimmt einen großen Teil dieser Unsicherheit weg. Denn dank der Technologie können Kund:innen genau sehen, wie Kleidungsstücke an ihnen wirken. Dadurch legen sie ihre Produkte eher in den Einkaufswagen und konvertieren.

      2. Vorteil: Weniger Retouren

      Retouren müssen versendet, empfangen, administrativ bearbeitet und physisch verarbeitet werden. All diese Schritte sind mit Kosten verbunden. Dadurch schlagen sie eine große Delle in die Profite des gesamten Fashion E-Commerce. Dementsprechend lohnt sich der Einsatz von VTO Tools, die zu informierten Käufen führen und Retouren reduzieren.

      3. Vorteil: Mehr Daten und Insights

      Je mehr in deinem Shop passiert, desto mehr Daten kannst du sammeln. Welche Produkte werden geklickt und virtuell anprobiert? Welche Schnitte liegen im Trend? Und welche Kleidungsstücke solltest du in deinem Newsletter pushen? Diese Insights sind im Datenzeitalter unglaublich wichtig.

      Use Cases von ASOS, Breuninger und Maybelline

      Virtual Try-Ons nehmen im Jahr 2026 Fahrt auf und erreichen immer mehr Modehändler. Auch in der Make-up-Welt fällt die Technologie auf fruchtbaren Boden.

      Use Case #1: ASOS

      Screenshots aus der App zeigen die Funktionsweise von Virtual Try-On.
      Bild: © ASOS

      ASOS setzt bei Virtual Try-Ons seit Anfang 2026 auf ein hybrides Modell, das Nutzer:innen die Wahl lässt: Sie können entweder ein eigenes Foto hochladen, um Kleidungsstücke virtuell anzuprobieren. Oder sie können dazu einen digitalen Zwilling anhand ihrer Proportionen und ihres Geschmacks erstellen.

      Use Case #2: Breuninger

      Screenshots aus der App zeigen die Funktionsweise von Virtual Try-On.
      Bild: © Breuninger

      Im März 2026 hat Breuninger als erster deutscher Modehändler die Virtual-Try-On-Technologie von Google in seine App integriert. Das könnte zu einem Blueprint für andere Shops werden.

      Use Case #3: Maybelline

      Nicht nur Kleidungsstücke, auch Make-up wirkt von Person zu Person unterschiedlich. Dementsprechend beliebt ist VTO-Technologie bei Make-up-Unternehmen wie Maybelline. Nutzer:innen können auch hier entweder Fotos hochladen oder ein digitales Modell erstellen. Alternativ lässt sich sogar die Live-Kamera benutzen.

      Eine junge Frau simuliert im Online Shop von Maybelline, wie Make-up in einer bestimmten Farbe an ihr aussieht.
      Bild: © Maybelline

      Virtual Try-On bei Fashion und Make-up: Branche zeigt Skalierbarkeit von KI

      Mit dem Siegeszug von Virtual Try-On führt die Modewelt vor, wie KI erfolgreich skaliert werden kann. Damit nimmt die Branche eine Vorreiterinnenrolle ein. In den nächsten Monaten wird sich zeigen, welche Erfolge Breuninger, ASOS und Co. damit erzielen können. Der Modehandel hat erfasst, worum es dieses Jahr geht. Seine Erfahrungen könnten den Weg ebnen für eine neue Zeitrechnung im E-Commerce aller Branchen.

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