Beyond Checkout: Nina Pütz (parfumdreams & Niche Beauty) über Discoverability

Der Online Shop verliert seine Rolle als zentraler Touchpoint. Nina Pütz, CEO von parfumdreams und Niche Beauty, erklärt, warum künftig Discoverability und Datenqualität darüber entscheiden, welche Produkte von KI-Agenten gefunden und gekauft werden.

Porträt von Nina Pütz, CEO von parfumdreams und Niche Beauty
Bild: © Caroline Pitzke

Discoverability und Agentic Commerce: So funktioniert das neue Handelsökosystem

Immer häufiger treffen KI-Agenten Kaufentscheidungen mit oder bereiten sie vor. Dadurch verändert sich auch die Frage, wo und wie Produkte sichtbar sein sollten. Discoverability entwickelt sich zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

In unserer Interviewreihe „Beyond Checkout: Leading Minds in Commerce“ sprechen wir mit Entscheider:innen über die Zukunft des digitalen Handels. Nina Pütz, CEO von parfumdreams und Niche Beauty, erklärt, warum Datenqualität, Plattformfähigkeit und eine konsequent AI-native Customer Experience wichtiger werden als pure Reichweite.

Nina Pütz ist seit März 2025 CEO von parfumdreams und Niche Beauty, den Online-Tochtergesellschaften der DOUGLAS Group. Sie ist eine transformationserfahrene Retail Tech- und eCommerce-Vordenkerin. Vor ihrer aktuellen Funktion war Nina Pütz CEO von Ratepay. Davor hat sie in unterschiedlichen Rollen die Erfolgsgeschichte von eBay mitgeprägt.

Was wird 2026 im Commerce überschätzt – und was komplett unterschätzt?

Klar ist, dass Agentic Commerce über kurz oder lang zu einem bestimmenden Faktor wird. Marktforscher:innen erwarten, dass der Anteil der agentengesteuerten Käufe in fünf bis zehn Jahren schon bei 30 bis 45 Prozent liegen wird.

Was häufig noch unterschätzt wird: die Bedeutung der Payment-Systeme. Die Qualität der Payment-Integration in die Plattform der Händler:innen entscheidet über Abschluss oder Abbruch.

Wo hat AI das Commerce Business bisher wirklich strukturell verändert – und wo war es eher ein gut klingendes Experiment?

Im E-Commerce erleben wir derzeit einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel: vom sichtbaren Online Shop als zentralem Touchpoint zu einem KI-getriebenen Handelsökosystem. KI entwickelt sich vom Effizienzwerkzeug zur direkten Kund:innenschnittstelle – und das ist ganz klar eine strukturelle Veränderung.

Wann war der Moment, in dem dir klar wurde: AI darf kein Add-on bleiben, sondern muss in die Kernprozesse integriert werden?

Den einen Moment gab es nicht. Da ich im Retail Tech groß geworden bin, war mir jedenfalls schnell klar, dass KI kein Nice-to-have ist, sondern sämtliche Unternehmensprozesse durchdringt.

Wenn du dein digitales Geschäftsmodell heute neu aufsetzen würdest: Was wäre von Anfang an AI-native gedacht?

Die komplette Customer Experience. Wenn die Produktsuche von Suchmaschinen zu KI-Agenten wandert und die KI Kaufentscheidungen vorbereitet oder sogar direkt ausführt, musst du als Händler:in an jedem Touchpoint darauf vorbereitet sein. Bei parfumdreams sind wir das.

Welche Entscheidungen triffst du noch bewusst ohne AI?

Wichtige Personalentscheidungen beispielsweise. KI kann Menschenkenntnis nicht ersetzen.

Welche strategische Frage rund um AI im Commerce lässt dich mit Blick auf 2026 nicht los?

Discoverability ist die neue Leitwährung. Wir arbeiten hart daran, unsere Produktdaten so aufzubereiten und strukturiert und API-fähig bereitzustellen, dass wir von KI-Agenten gefunden und empfohlen werden. Die beste Daten-Architektur entscheidet, nicht das höchste Marketing-Budget.

Wie viel Automatisierung verträgt Customer Experience, bevor sie sich unpersönlich anfühlt?

Das ist ein schmaler Grat. Die Kunst ist, Automatisierung mit einer hochindividualisierten Kund:innenansprache zu verknüpfen, also mit Empfehlungen, die exakt die persönlichen Präferenzen der Kund:innen treffen.

Wir nutzen KI schon sehr erfolgreich im Kund:innenservice. Bei parfumdreams werden mittlerweile über 50 Prozent aller Kund:innenanfragen per KI beantwortet und bereits beim ersten Kontakt gelöst.

Wenn alle Zugriff auf die gleichen Tools haben – worüber differenziert man sich künftig im Commerce noch?

Über Personalisierung, über Tempo, über Beratung und Service und über ein unverwechselbares Sortiment. E-Commerce-Händler:innen der Zukunft sind immer auch Kurator:innen. Niche Beauty ist hierfür ein Paradebeispiel.

Welche Rolle spielt der Online Shop heute in der Commerce-Strategie – im Zusammenspiel mit Marktplätzen, Plattformen und Social Commerce?

Der eigene Webshop ist nur noch ein Touchpoint von vielen. Entscheidend ist die Fähigkeit, Produkte in Ökosysteme einzubetten – technologisch, logistisch, datenbasiert.

Wer wird in Zukunft die Spielregeln im Commerce bestimmen: Plattformen, Marken oder diejenigen mit dem besten Kund:innenzugang?

Größe, Relevanz und profitables Wachstum entstehen künftig über Datenqualität, Plattformfähigkeit, Integrationsgeschwindigkeit und einen reibungslosen Zugang zu Kund:innenökosystemen. Kurz gesagt: Die beste Tech-Plattform gewinnt.

Was ist aktuell gefährlicher im Commerce: zu langsam bei AI zu sein oder zu schnell?

Zu schnell kann man in diesen Zeiten eigentlich gar nicht sein. Tempo, Gründlichkeit, Verlässlichkeit, Systemstabilität – das alles unter einen Hut zu kriegen, darauf kommt es an.

Wie organisiert ihr die Zusammenarbeit zwischen Technologie-, Daten- und Business-Teams im Commerce?

Wir bringen alle Funktionen an einen Tisch und setzen auf starke operative Exzellenz. Die Zeit der Silos ist endgültig vorbei.

Fazit: Discoverability ist die neue Leitwährung

Discoverability entscheidet darüber, welche Produkte von KI-Agenten gefunden, verstanden und empfohlen werden. Damit verlagert sich der Wettbewerb von Reichweite hin zu Datenqualität, Plattformfähigkeit und einer AI-nativen Customer Experience. Wer diese Grundlagen heute legt, verschafft sich einen entscheidenden Vorsprung im Commerce von morgen.

Du möchtest mehr erfahren über Sichtbarkeit im KI-Zeitalter? In unserer Story „Die Zukunft der Sichtbarkeit heißt Discoverability“ haben wir uns unter anderem genauer angeschaut, was KI-Systeme von Shops brauchen.

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