Verena Gründel hat einen Cyborg getroffen

Eine Antenne im Kopf, neue Sinne und eine radikal andere Wahrnehmung der Welt: Auf der TECH 2026 trifft Verena Gründel den ersten offiziell anerkannten Cyborg der Welt und stellt sich die Frage, wie viel Maschine im Menschen steckt.

Bild von Verena Gründel und Neil Harbisson
Bild: © Verena Gründel  

Wo endet der Mensch – und wo beginnt die Maschine?

Ich möchte euch von meiner Begegnung mit einem Cyborg erzählen. Neil Harbisson ist der erste rechtlich anerkannte Cyborg der Welt.

Eigentlich war Neil ein ganz normaler Mensch. Dann ließ er sich eine Antenne in sein Gehirn implantieren. Sie verleiht ihm Fähigkeiten, die über menschliches Können weit hinausgehen.

Jetzt kann er Lichtwellen als Gefühle wahrnehmen, zum Beispiel als Vibrationen. Er spürt Gelb, Grün und Rot – aber auch Infrarot und Ultraviolett. Seine Lieblingsfarbe, erzählt er, ist Ultraviolett. Das fühle sich warm und tief an.

Als Nicht-Cyborg war Neil farbenblind. Jetzt nimmt er Reize aus der Welt wahr, die sich niemand von uns ernsthaft vorstellen kann. Er hat also sein Wahrnehmungsspektrum durch Technik erweitert. Mit einer Antenne, die durch seinen Schädel gebohrt wurde.

Inzwischen fühlt sich die Mensch-Maschine-Schnittstelle für ihn natürlich an, erzählt er auf der TECH 2026 Konferenz in Heilbronn. Er unterscheidet angeblich nicht mehr zwischen Wahrnehmungen seiner eigenen Sinneszellen und denen der Sensoren. Für ihn fühlt sich die Antenne wie sein eigenes Organ an.

Doch wo ist die Grenze? Wann fusionieren Mensch und Maschine wirklich?

Macht uns bereits unser Handykonsum zum Cyborg light? Schließlich bekommen wir körperliche Entzugserscheinungen, wenn wir unser Telefon mal zu Hause vergessen. Unser Puls steigt nachweislich. Wir gehen in Alarmbereitschaft, werden nervöser. Nicht nur das: Wir fluchen, dass „unser“ Akku leer ist, und meinen eigentlich den unseres iPhones.

Es ist ein Irrtum, dass Enhancements von Cyborgs immer am Gehirn ansetzen. Auch intelligente Exoskelette kann man dazuzählen. Und Elektroden auf dem Körper. Oder aber die Implantate unter der Haut, die Epilepsie heilen können.

Die größten Erfolgschancen haben Mensch-Maschine-Fusionen, wenn der Nutzen für den Menschen größer ist als die Schwere des Eingriffs. Das sagte Pascal Fries, einer der führenden Forscher auf dem Gebiet, auf der TECH. Dies sei vor allem im medizinischen Bereich der Fall, weil der Leidensdruck der Patienten besonders hoch ist. Daher gibt es hier bisher die meisten Anwendungsfälle.

Neil Harbisson glaubt dagegen auch daran, dass sich implantierte Chips als Lifestyle-Gadget durchsetzen. Er vergleicht es mit Tattoos, die mittlerweile ganz normal sind. Zum Beispiel implantierte Chips, mit denen wir viel einfacher miteinander kommunizieren können als per Textmessage. Oder damit wir, wie er, unsere Sinne erweitern können. „Die Gesellschaft bekommt die Chance, ihre Wahrnehmung der Realität selbst zu gestalten“, prognostiziert er.

Klingt für mich nach einem nicht enden wollenden Drogentrip. Legal. Und technisch deutlich beeindruckender. Nur: Was gefährlicher ist, muss sich noch zeigen.

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