Rückblick auf die SXSW in Austin

Ich war bei der SXSW – dem wohl wichtigsten Innovationsfestival der USA. Und ich weiß, dass viele von euch unfassbar gern hingefahren wären. Deshalb nehme ich euch rückwirkend mit und teile mit euch meine interessantesten Erkenntnisse.

Ein Banner mit der Aufschrift SXSW in Austin
Bild: © Privat

Trends sind tot. Es leben die Stürme.

Die bekannte Futuristin Amy Webb hat in einer fulminanten Bühnenzeremonie ihren jährlichen Trend-Report beerdigt. Ersetzt wird er vom Convergence Outlook, also einer Sammlung von „Stürmen“, die die Welt erschüttern.

Ihre Begründung: Einzelne Trends haben heute kaum noch Aussagekraft. Erst wenn mehrere Entwicklungen gleichzeitig zusammenlaufen und sich verstärken, entsteht Disruption. Diese „Convergences“ verändern nicht nur Märkte, sondern ganze Machtstrukturen, schaffen neue Realitäten und sind kaum umkehrbar. Wer sie versteht, erkennt, was unausweichlich kommen wird.

Amy Webbs Shift vom Trend-Report zum Convergence Outlook ist selbstverständlich ein Stück weit Eigenmarketing. Aber die Logik dahinter macht aus meiner Sicht Sinn. Denn Trends kommen und gehen. Einzeln haben die meisten wenig Impact. Erst ihr Zusammenspiel macht sie wirklich mächtig.

Manche Menschen werden besser sein als andere

Eine der aktuellen Convergences von Amy Webb ist „Human Augmentation“. Sie sagt, manche Menschen – diejenigen, die es sich leisten können – werden durch Technologie deutlich leistungsfähiger als andere. Durch Exoskelette, neuronale Schnittstellen, optimierte Körper oder genetische Veränderungen steigern wir die körperlichen und kognitiven Fähigkeiten der Menschen über ihre natürlichen Grenzen hinaus.

Ich habe in Austin beim Joggen nicht nur jemanden mit Exoskelett an den Waden getroffen, sondern auch jemanden, der seinen Alltag mit einem Mikrofon aufzeichnet und anschließend eine KI fragt, was er besser machen kann. Und Amy erzählte, dass sie selbst ein KI-Bett besitze, das ihren Schlaf optimiert.

Auf diese Weise werden wir eine neue Form der Ungleichheit schaffen. Die Frage wird nicht lauten: Wollen wir mitmachen? Sondern vielmehr: Können wir es uns leisten, uns dem Trend zu widersetzen, wenn andere durch Technologie einen Wettbewerbsvorteil erlangen? Werden wir in Zukunft die Mitarbeitenden mit oder ohne „Augmentation“ einstellen?

Einsamkeit wird zum Geschäftsmodell 

Bisher haben wir unsere Ängste, Sorgen und Herausforderungen mit anderen Menschen geteilt. Seien es Freunde, die Familie oder Psycholog:innen. Das ändert sich: Wir besprechen unsere Probleme immer häufiger mit Maschinen, also mit ChatGPT, Therapie-Apps, Bots und Co.

Freundschaft, Beziehungen, Therapie und sogar Spiritualität werden längst als komplett virtuelle Dienste angeboten (ja, man kann mit Jesus chatten und sogar mit seiner ganzen Familie im Gruppenchat). Sie sagt, LLMs seien längst die größte einzelne Quelle für mentale Gesundheitsunterstützung in den USA.

Der Kreislauf ist einfach: Digitale Dienste machen uns erst einsam, dann monetarisieren sie unsere Einsamkeit mit Apps, Abos oder KI-gestützten Diensten. Die brauchen wir, um uns wieder normal zu fühlen. So schaffen sie emotionale Abhängigkeit und damit schließlich Kontrolle über uns.

Selbstfahrende Autos sind gar nicht so gruselig 

Für alle, die kürzlich im Silicon Valley waren, ist das keine Überraschung: Autonomes Fahren ist großartig! Was für ein Spaß, in einem selbstfahrenden Waymo-Uber durch die Stadt kutschiert zu werden.

Aber von Beginn an: An Tag 2 auf der SXSW brauchte ich schnell ein Uber. „Ist ein Waymo okay?“, fragte mich die App. Ja! Klick – gebucht.

Hatte ich Angst? Darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Es fühlte sich sofort aufregend und nach Zukunft an. Ich fühlte mich überraschend sicher. Und ich muss zugeben: Unangenehme Taxifahrten hatte ich bisher nur mit echten Fahrern.

Hat alles geklappt? Fast. Leider hat mich das Auto an einer falschen Stelle rausgelassen. Doch dieses Problem sollte sich lösen lassen. Google Maps? Und ehrlich: Ich habe deshalb sogar meine 7 Dollar zurückbekommen, ohne danach zu fragen. Also habe ich nichts bezahlt – nicht zu vergessen: auch kein Trinkgeld.

Kann Deutschland die autonomen Fahrzeuge bitte endlich auch bei uns zulassen? Das gäbe der deutschen Autoindustrie – die beim autonomen Fahren technisch gar nicht schlecht aufgestellt ist – einen großen Schub. Oder anders ausgedrückt: Autonome Fahrzeuge langfristig zu verbieten, können wir uns nicht leisten! 

KI und Kolleg:innen 

In vielen Panels und Vorträgen auf der SXSW wurde diskutiert, wie wir als Menschen mit KI umgehen. Amy Gallo zum Beispiel beschäftigt sich mit der Frage, wie sich der Umgang mit KI auf unsere Arbeitsbeziehungen auswirkt. Die Autorin der Harvard Business Review stellte fest: „Wenn wir Kommunikation durch KI automatisieren, lagern wir auch Beziehungen aus.“

Sie fasst die Probleme zusammen: Mit KI erzeugen wir auch im Büro KI-Slop, der die Kommunikation ineffizient macht. Außerdem zeigen Untersuchungen, dass diejenigen, die KI nutzen, als weniger kompetent wahrgenommen werden. Mit KI reduzieren wir Reibungspunkte – doch Reibungspunkte fördern eine bessere Zusammenarbeit und bessere Ergebnisse. Und: Wir pflegen oberflächlichere Beziehungen und erzeugen mehr Konflikte.

Amy Gallo hat einige Tipps für den Umgang mit KI am Arbeitsplatz entwickelt:

  1. Kommuniziere transparent, wenn du KI nutzt.
  2. Nutze KI nur für transaktionale Kommunikation.
  3. Setze KI ein, um Beziehungen zu verbessern, nicht um sie zu ersetzen.
  4. Kommuniziere mit Menschen anders als mit KI.

Was von der SXSW bleiben wird

Technologischer Fortschritt rast schneller denn je. Und gleichzeitig wird er sich nie wieder so langsam anfühlen wie heute. Das bringt Chancen – und Risiken.

Umso wichtiger ist es, dass wir KI konsequent menschenzentriert denken. Und gleichzeitig neugierig bleiben auf das, was kommt. Denn je näher wir an der Entwicklung dran sind, desto mehr können wir sie mitgestalten – und desto mehr werden wir von ihr profitieren.

Denn Zukunft passiert nicht einfach. Zukunft wird gemacht. Von uns.

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