Interview: Marcos Raiser do Ó von Stripe über die Zukunft der Internetwirtschaft

„Die Online-Wirtschaft steckt immer noch in den Kinderschuhen“, sagt Marcos Raiser do Ó, Head of DACH & CEE bei Stripe. Was getan werden muss, um in Europa eine vernetztere Internetwirtschaft zu erreichen, führt er im Interview vor Augen.

In der europäischen Internetwirtschaft sieht Marcos Raiser do Ó noch viele ungenutzte Potenziale.
Marcos Raiser do Ó © Stripe

#1 Stripe hat kürzlich eine Studie zur Internationalisierung der europäischen Digitalwirtschaft veröffentlicht. Was kam dabei heraus?

Die wichtigste Erkenntnis war, dass wir noch weit von einem Digitalen Binnenmarkt in Europa entfernt sind. Obwohl das Internet theoretisch grenzenlosen Handel ermöglicht und die EU mit dem Digitalen Binnenmarkt genau dieses Ziel verfolgt, bremsen die Komplexität und Unterschiedlichkeit der Regulierungen in den verschiedenen EU-Ländern Unternehmen aus. Nur ein Drittel aller Unternehmen ist sich überhaupt sicher, alle regulatorischen Vorschriften überall zu erfüllen. Zwei Drittel der Unternehmen würden in zehn oder mehr EU-Länder verkaufen, wenn alle relevanten lokalen Vorschriften ohne großen Mehraufwand eingehalten werden könnten. Die europäische Online-Wirtschaft könnte auf diese Weise allein im Bereich E-Commerce um mehr als 100 Milliarden Euro wachsen.

Politik und Technologieunternehmen sind hier gleichermaßen gefragt: Einerseits sollten die rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen in der EU weiter harmonisiert werden, andererseits kann auch Technologie eine Hilfestellung dabei liefern, die Komplexität von Regulierung für Unternehmen zu reduzieren. Bei Stripe verstehen wir uns nicht nur als Zahlungsdienstleister, sondern wollen unseren Kunden auch bei der Überwindung solcher regulatorischen Herausforderungen helfen. So haben wir beispielsweise frühzeitig unsere API für die Einhaltung der Richtlinie zur Starken Kundenauthentifizierung (SCA) so überarbeitet, dass einerseits die Vorschriften berücksichtigt werden, aber andererseits auch Ausnahmeregeln dynamisch angewandt werden können und die Conversion-Einbußen so auf ein Minimum reduziert werden. Und wir arbeiten an weiteren Produkten, mit denen wir Regulatorik für Unternehmen navigierbarer machen wollen.

#2 Warum beschäftigt sich Stripe als Zahlungsdienstleister so intensiv mit der europäischen Digitalwirtschaft?

Wir wollen das Wachstum der Online-Wirtschaft beschleunigen und Unternehmen in die Lage versetzen, von Anfang an global tätig zu sein. Deshalb interessiert uns alles, was digitalen Unternehmen ihr Geschäft und Wachstum erleichtert. In den letzten 25 Jahren hat sich die Online-Wirtschaft um das 1.500-Fache vergrößert und fühlt sich für die meisten von uns ausgereift an. Dennoch macht sie immer noch nur fünf Prozent der globalen Wirtschaftsleistung aus. Da ist noch eine Menge Luft nach oben! Die Online-Wirtschaft steckt immer noch in den Kinderschuhen, auch wenn in Europa einige der fortgeschrittensten Online-Märkte der Welt liegen.

#3 Und was muss konkret geschehen, um das Wachstum weiter zu beschleunigen?

Unsere COO Claire Hughes Johnson hält dazu eine Keynote auf der DMEXCO. Die heutige Online-Wirtschaft ist vor allem von Werbung geprägt und viel weniger vielfältig aufgestellt als die Offline-Wirtschaft. Das hat unter anderem mit der fehlenden Zahlungsinfrastruktur zu tun, aber auch mit einigen anderen infrastrukturellen Rahmenbedingungen. Cloud Computing hat die Online-Wirtschaft auf ein neues Level gehoben – aber Speicherplatz ist nur einer von vielen infrastrukturellen Aspekten.

#4 Und worin sieht Stripe die nächsten Innovationen der Infrastruktur neben dem reinen Cloud-Computing?

Wir sehen eine Innovationswelle im gesamten Bereich „API as a Service“. Es ist heute viel billiger und schneller, ein Unternehmen zu gründen und zu skalieren, weil diverse API-basierte Dienste als Bausteine verwendet werden können und nicht alles selbst entwickelt werden muss. So wie Unternehmen hohe Reibungsverluste dadurch reduzieren konnten, dass sie heute keine eigene Serverleistung mehr einrichten und unterhalten müssen, erleben wir auch einen enormen Produktivitätsgewinn bei Unternehmen, die keine eigenen HR-, Gehaltsabrechnungs-, Ausgaben- und Zahlungssysteme mehr aufbauen müssen.

Die neue Infrastruktur senkt die Kosten für die Unternehmensgründung und -führung auf einen Bruchteil – und ermöglicht gleichzeitig eine ganze Fülle von neuen Dienstleistungen und Unternehmen im Bereich Software as a Service. Es wird günstiger, ein Unternehmen aufzubauen und zu führen, und es ergeben sich neue Geschäftsmodelle – und damit eine vielfältigere, vernetztere Online-Wirtschaft.

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Bild © Stripe

#5 Hast du ein Beispiel für solche neuen Geschäftsmodelle?

Viele Verlage und Medienunternehmen sind mit ihren Online-Inhalten noch immer sehr abhängig von Werbeeinnahmen, gerade auch hier in Deutschland. Wir arbeiten mit ihnen strategisch zusammen und helfen dabei, durch reibungslose Bezahlmöglichkeiten neue Online-Umsatzquellen zu erschließen und unabhängiger von Werbung zu werden. So nutzen beispielsweise Axel Springer und Der Tagesspiegel Stripe als Zahlungspartner für ihre Paywalls. Der Spiegel, FAZ und Handelsblatt starten ebenfalls gerade mit uns, im Streaming-Bereich unterstützen wir zum Beispiel Joyn. Diese und andere erfolgreiche Anbieter machen deutlich, dass auch deutsche Medienkonsumenten zunehmend bereit sind, für hochwertige Inhalte Geld zu bezahlen, solange die Bezahlung nicht als große Hürde daherkommt. Solche digitalen Abo-Modelle sind ein entscheidender Faktor für den Erfolg einer gesamten Branche.

#6 Du sprichst von einer vernetzteren Online-Wirtschaft. Lebt die Digitalwirtschaft von jungen und kleinen Unternehmen?

Der Aufstieg von vielen Software-as-a-Service-, Plattform- und Marktplatz-Unternehmen aller Größen in den letzten Jahren ist ein Beleg für die Veränderung in der Digitalwirtschaft. Aber auch große, etablierte Unternehmen wie MAN mit der Logistikplattform RIO oder Daimler mit der Mobilitätsplattform ShareNow haben es geschafft, solche Plattformen zu etablieren. Kleine wie große Unternehmen transformieren traditionelle Branchen für die Online-Welt und ermöglichen es wiederum anderen Unternehmen und Einzelunternehmern, daran teilhaben und profitieren zu können.

Das ist enorm wichtig, nicht zuletzt auch für die Entstehung von neuen Arbeitsplätzen. Der Übergang von der Werbewirtschaft zur Wertschöpfungswirtschaft mag nicht einfach sein, aber wir glauben, dass er dringend notwendig ist und wir uns auch bereits mitten in diesem Wandel befinden. Erst jenseits von Klicks und Sichtkontakten werden wir anfangen, das wahre Potenzial der Online-Wirtschaft auszuschöpfen.

Übrigens, wir sind auf der DMEXCO mit einem digitalen Messestand präsent. Schauen Sie mal vorbei!