Vanity Metrics vs. KPIs: Millionen Impressionen, null Wirkung
In ihrer neuen Kolumne beantworten Paulina Schumann und Timo Sander die Fragen, warum Plattform-Metriken immer nur die halbe Wahrheit sind, wie sich MPIs von Vanity Metrics unterscheiden und wie Mental Availability das Spiel verändert.
Vanity Metrics im Marketing: Warum Plattform-Metriken nicht ausreichen
Social Media Reportings sehen oft beeindruckend aus. Millionen Impressionen, benchmark-breaking CPMs & solide Watch Times. Und trotzdem bleibt am Ende die Frage: Hat das irgendetwas bewegt? Für die Marke, für die Wahrnehmung, für den Abverkauf? Wer ehrlich antwortet, muss zugeben: Meistens weiß man es nicht. Und das ist das eigentliche Problem. In dieser Ausgabe unserer Kolumne erklären wir, warum Plattform-Metriken strukturell keine Wirkungsaussage treffen können, wie ein besseres Messsystem aussieht und warum die entscheidende Frage nicht „Wie viele kennen uns?“ lautet.
#1 Wieso wird der CPM so oft genutzt, wenn die Impressionen dahinter nichts aussagen?
Marken verstehen zunehmend, dass Kontaktqualität entscheidend ist. Die Average Watch Time und Engagement Rate haben sich als relevante Größen etabliert, um Kommunikation zu bewerten. Trotzdem werden interne Entscheidungen noch immer häufig auf Basis des CPM getroffen und er taucht in Reportings auf, als wäre er ein verlässlicher Leistungsindikator.
Das Problem steckt in zwei Wahrheiten, die selten zusammen gedacht werden. Erstens: Eine Impression zählt ab 0,1 Sekunden auf dem Bildschirm. Zweitens: Rund 60 Prozent der Menschen skippen Werbung, vor allem wenn sie zu werblich wirkt (Quelle: Adzine, 2024). Bottom Line: Ein Kontakt von ein paar oder nicht mal einer Sekunde zählt also als vollwertige Impression, obwohl er de facto keine Werbewirkung entfalten konnte. Der CPM misst damit vor allem eines: Wie teuer ist die Chance, tausendmal ignoriert zu werden?
#2 Effizienzmetriken mit Kontaktqualität: So geht es besser!
Der CPM hat trotzdem seine Daseinsberechtigung, nämlich als Vergleichsgröße zwischen Kanälen und als internes Effizienzargument. Aber er darf nicht allein stehen, sondern muss um aussagekräftigere KPIs für dein Social Media Marketing ergänzt werden. Wer ernsthaft misst, baut eigene Effizienzmetriken, die Kontaktqualität berücksichtigen.
Zwei konkrete Beispiele: der „Cost per 15-Second-View“, der sicherstellt, dass ein Kontakt überhaupt lang genug war, um eine Botschaft aufzunehmen, oder der „Cost per Minute Watch Time“, also Kosten geteilt durch Average Watch Time mal Impressionen. Diese Metriken zeigen, was es tatsächlich gekostet hat, Menschen auf einem Kanal, auf dem sie frei entscheiden können, ob sie etwas anschauen oder nicht, zum Dranbleiben zu bringen. Das ist ein fundamental anderes Signal als ein klassischer CPM.
#3 Das reicht trotzdem nicht: Plattformen zeigen Effizienz, garantieren aber keine Effektivität
Hier kommt der entscheidende Punkt, den viele übersehen. Auch eine starke Average Watch Time ist keine Garantie für Wirkung. Wie viele Marken stellen nicht konsequent sicher, dass Brand Codes und Messages früh genug im Asset auftauchen, damit die durchschnittliche Sehdauer die Werbebotschaft zuverlässig sichert? Eine hohe Watch Time kann bedeuten, dass Menschen drangeblieben sind, aber kaum etwas behalten haben, weil die Message unklar war. Oder dass der Content schlicht nicht merk-würdig genug war, weil die kreative Qualität des Wettbewerbs höher ist.
Plattform-Metriken werden immer Vanity Metrics bleiben, weil sie strukturell keine finale Aussage über Wirkung oder Effektivität treffen können. Deshalb müssen Marketing-Manager:innen diese Zahlen als das sehen, was sie sind: MPIs, also Media Performance Indicators. Und sicherstellen, dass sie daneben echte KPIs haben.
#4 Vanity Metrics vs. KPIs: Die Zielpyramide
Das lässt sich am klarsten in einer Zielpyramide denken. Oben steht die Mission, das übergeordnete Ziel, das die Kommunikation antreiben soll. Darunter die KPI: die eine Zahl, die am nächsten an der Realität liegt und eine belastbare Aussage darüber treffen kann, ob das Ziel erreicht wurde. Das ist meistens eine Zahl aus dem Brand oder Sales Tracking. Darunter die MPIs, also jene Plattform-Metriken, auf die in der laufenden Kommunikation geachtet werden muss, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass der KPI erfüllt wird. Dieser differenzierte Blick lässt weniger Raum für positiven Bias. Er stellt Marketing-Manager:innen und die Agentur dahinter in regelmäßigen Abständen auf einen Prüfstand, der hart, aber ehrlich ist.
#5 Wer die richtigen Fragen stellt, wird die richtigen Ergebnisse erzielen
Auf der Suche nach echten Marketing-KPIs landen viele bei den klassischen Marktforschungsgrößen: Awareness, Consideration, Usage, First Choice. Diese Zahlen sagen, wo man ungefähr steht. Was sie kaum verraten: Was getan werden muss, um weiterzukommen. Sie sind ein nettes Beiwerk, aber keine Grundlage für ein echtes Insight-to-Action-System.
Der Unterschied liegt in der Frage. Statt „Welche Marke kennst du?“ sollte die Frage lauten: „In welcher konkreten Kauf- oder Konsumsituation denkst du an welche dieser Marken?“ Dasselbe gilt für Attribute. Wer dieser Mental-Availability-Logik von Byron Sharp folgt, bekommt aus jedem Tracking direkt handlungsrelevante Insights: Man versteht genau, in welchen potenziellen Momenten die eigene Marke noch stärker im Kopf sein muss, und wie die entsprechende Kommunikation aussehen sollte. Das ist kein Tracking mehr. Das ist ein Navigationssystem. Mehr dazu bei unseren Friends von Appinio, das mit seinem digitalen Panel und echter Wissens-Community ein attraktiver Marktforschungspartner ist.
Fazit: Goodbye Vanity Metrics – Was du ab morgen anders machen solltest
- Ersetze den CPM durch Kontaktqualitätsmetriken. Cost per 15-Second-View oder Cost per Minute Watch Time geben dir ein viel ehrlicheres Bild davon, was dein Mediageld wirklich leistet, als oberflächliche Vanity Metrics.
- Stelle sicher, dass deine Brand Message innerhalb der Average Watch Time fertig erzählt ist. Ein Video, das Aufmerksamkeit erzeugt, aber die Botschaft nicht transportiert, schafft keine Wirkung.
- Ergänze MPIs mit echten KPIs. Plattform-Metriken sind Media Performance Indicators, kein Beweis für Markenwirkung. Baue eine Zielpyramide mit einer klaren Mission, einem echten KPI aus dem Brand oder Sales Tracking und MPIs, die deine Kommunikation steuern.
- Ergänze deine Bekanntheitsfragen mit Mental-Availability-Fragen. Nicht „Kennst du diese Marke?“, sondern „In welcher Situation denkst du an welche Marke?“ Das ist der Unterschied zwischen einem netten Tracking und einem echten Steuerungsinstrument.
- Starte jede Kommunikationsperiode mit einer Nullpunktmessung und messe nach sechs Monaten erneut. So wird aus deinem Reporting-Zyklus ein Lernzyklus, der die Marke wirklich voranbringt.