Social 2026: Als hätte jemand kurz den Stecker gezogen

Eine DMEXCO Kolumne von Timo Sander und Paulina Schumann über Social Media 2026 zwischen Nostalgie und Zukunft.

Timo Sander und Paulina Schumann in ihrer DMEXCO Kolumne
Bild: © JUSTADDSUGAR, charles & charlotte.

Trend „2016 = 2026“: Dialekt, Downtime und das neue Bio-Siegel „Human Made“

Es fühlt sich an, als würde Social 2026 zwei Gänge runterschalten und gleichzeitig die Zeit zurückdrehen. Der Feed ist plötzlich weniger „hustle harder“ und mehr „warte, ich schlage mein Feuerholz und erzähle dir was dabei“. Zwischen AI-Slop, Nostalgie-Wellen und hyperlokalen Mikro-Sphären entsteht eine neue Social-Media-Kultur: kleiner, langsamer, menschlicher. Fünf Beobachtungen, die uns gerade nicht mehr loslassen. Und die erklären, warum sich 2016 verdächtig nach 2026 anfühlt.

#1 Dialect-native Micro-Creators: Wenn „Sauguad“ plötzlich eine Content-Strategie ist

Die neuen Vertrauensanker wohnen nicht in Hochglanzlofts. Sie wohnen nebenan. Dialekt ist 2026 kein Gimmick, sondern ein soziales Signal: Nähe, Herkunft, Haltung. Ob bairische Küchen-Shorts, schwäbische Handwerk-Hacks oder plattdeutsche Point-of-View-Stories aus dem Dorf: Lokalität schlägt Perfektion. Und ganz ehrlich: „Sauguad“ ist die bessere Hook als jedes 08/15-„Hey Leute!“.

#2 Analog Sanctuary Livestreams: Das Internet schaut beim Offline-Sein zu

Stundenlange Streams vom Holzspalten, Brotbacken (ja, immer noch!) und Messer, die entlang eines Wetzsteins singen. Der Feed versucht jetzt das, was Meditation und Yoga-Hype schon lange predigen: echte Entschleunigung. Wir nennen es das Paradox der Gegenwart: Digital Detox, live übertragen. Den Shift zu Longform sehen wir nicht erst seit gestern. YouTube-Longform trägt das Format seit Jahren, 2026 zieht der Rest des Social-Ökosystems nach.

#3 No-Hustle Diaries: Grenzen setzen ist das neue Flexen

Die neue Statusmeldung? „Bin offline, weil Feierabend.“ Vier-Tage-Woche-Routinen, Slack auf „Nicht stören“, Arbeitshandy bleibt im Flur: Erholung wird zum Statussymbol. Im Feed zeigt sich das als Feierabend-Check-ins, Sonntags-Story-Gaps und „Was ich nicht gemacht habe“-Recaps. 2026 gilt: Schlaf priorisieren und Me-Time.

#4 „Human made“ als neues Bio-Siegel

Wo eine Bewegung ist, gibt’s die Gegenbewegung: Je mehr AI-Slop unsere Feeds flutet, desto stärker wird „Human made“ zum kognitiven Bio-Siegel. Nicht weil KI verschwindet, sondern weil das Seltene wieder zählt: echte Hände, echte Stimmen, kleine Fehler.

#5 2016 = 2026: Zurück in die Zukunft

Plötzlich ist 2016 wieder da. Nicht eins zu eins, eher wie ein gut gemachter Remix. t.A.T.u.s „All The Things She Said“ taucht wieder in Playlists auf und bringt genau diesen bittersüßen Teen-Spiegelblick zurück (Credits an Heated Rivalry). Auch die Silhouetten kippen: Skinny und Low-Waist Jeans feiern ein Comeback, Mode-Titel und Insider sprechen offen vom Revival in 2026. Und klar: Viele posten aktuell ihre „2016“-Bilder. Warum das zieht? Weil sich 2016 für viele wie die letzte „leichte“ Netzwelt fühlt: Pre-Pandemie, Pre-Dauer-Optimierung, weniger KI. Nostalgie ist hier kein Weglaufen, sondern ein Andocken: Wir holen uns ein paar alte Routinen zurück (Songs, Schnitte, Outfits, Trends), um im Jetzt wieder ein Gefühl von Kontrolle und Gemeinsamkeit zu haben.

Was das alles zusammen bedeutet

  • Lokal schlägt generisch.
  • Langsam schlägt laut.
  • Pausen schlagen Performance.
  • Unvollkommen schlägt ununterscheidbar.
  • Nostalgie bestimmt die Gegenwart.

Die große Bewegung hinter diesen fünf Trends ist simpel: Wir trainieren unser Feingefühl zurück. Nach Jahren der algorithmischen Überreizung suchen Menschen nach Signalen, die nicht fälschbar sind.

Für Marken heißt das im Social-Kontext 2026:

  • Werde kleiner, um größer zu wirken. Bau Mikro-Communities mit eigenen Dialekten, Running Gags, Ritualen.
  • Plane „lange“ Formate im Short-Form-Ökosystem.
  • Signiere dein Werk menschlich. Nicht als Badge oben rechts, sondern mit echtem Mehrwert.
  • Spiele mit Nostalgie und Remixen.

Wiederfinden von 2016er-Trends im Social-Zeitalter 2026

2026 ist kein Zurück. Es ist auch im Social-Media-Alltag ein Wiederfinden. Dialekt, Downtime, „Human made“: Das alles sind keine Moden, sondern Antennen. Wer sie ausfährt, empfängt mehr als Reichweite: Resonanz. Und die hält länger als jede Watchtime.

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