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DMEXCO Interview: Wie können wir dem Fachkräftemangel begegnen?

Maren Freyberg von der Personalberatungsagentur Dwight Cribb erklärt, wie der Fachkräftemangel angegangen werden muss.
Bild: © Unsplash / @ryoji__iwata

Maren Freyberg von der Personalberatung Dwight Cribb zum Fachkräftemangel

Eine aktuelle DMEXCO Umfrage legt die Zahlen offen: Fast die Hälfte der befragten Unternehmen (48 Prozent) haben derzeit Stellen anzubieten, die nicht besetzt sind. Die Suche nach geeignetem Personal ist demnach von größerer Bedeutung als die Erschließung neuer Umsatzkanäle.

 

Der Fachkräftemangel erhöht den Druck auf Recruiter:innen. Schließlich gehört es zu ihrem Kompetenzbereich, gutes Personal zu finden und einzustellen. Doch ausgerechnet diese Branche leidet selbst unter dem Mangel. Wie soll der Fachkräftemangel angegangen werden, wenn sogar in der Recruiting-Branche kompetente Arbeitskräfte händeringend gesucht werden? Das wollten wir genauer wissen und haben uns mit Maren Freyberg von der Personalberatung Dwight Cribb unterhalten.

Wie sieht das Skillset von Recruiter:innen in zehn Jahren aus? Was davon ist heute schon essenziell? Und wo sind wir noch sehr weit entfernt von dem, was künftig benötigt wird?

 

Maren Freyberg: Die Analyse- und Transferfähigkeit bei der Beurteilung von menschlichen Fähigkeiten und Potenzialen, und weniger Prozess- und Verwaltungsausrichtung. Die Operationalisierung wird sich über digitale Tools weiter optimieren und im Aufwand reduzieren lassen. Aber zu erkennen, was die Kompetenzen sind, die hinter der zu besetzenden Stelle stehen, und wo diese ggfs. auch jenseits des Lebenslaufs und der damit erwartbaren Erfahrungen zu finden sein könnten und diese Erkenntnis dann auch den Kandidat:innen vermitteln zu können – das wird die zentrale Rolle von unternehmensinternen Recruiter:innen sein können. Übrigens auch jetzt schon wertvoll!

Die Personalberatung Dwight Cribb ist spezialisiert auf Unternehmen der Digitalbranche und Start-ups. Im DMEXCO Interview erklärt Maren Freyberg, wie der Fachkräftemangel zu bekämpfen ist.

Wir wollten von Maren Freyberg wissen, wie der Fachkräftemangel angegangen werden kann.
Bild: Maren Freyberg Dwight Cribb

Welche politischen Rahmenbedingungen könnten den Fachkräftemangel mittel- und langfristig lösen?

Maren Freyberg: Ich sehe kaum politische Ansätze jenseits von gesellschaftlicher Aufklärung und Steigerung der Attraktivität durch Aufwertung von Ausbildungsgängen und ganzen Berufsbildern. Förderung von Fachfähigkeiten über die gesamte Schulzeit hinweg, höhere BAföG-Sätze für Fachkarrieren in Zukunftsbranchen. Wenn Schul- und Hochschulabgänger:innen eine professionellere Aufklärung und einen breiteren Überblick darüber hätten, was es an Berufen gibt, und dazu noch in der Schule, der Ausbildung oder dem Studium sich selbst mit ihren Kompetenzen und Stärken kennenlernen würden, könnten sie auch viel besser beurteilen, was sie machen wollen könnten. Für das eine müsste man in noch mehr Einrichtungen noch mehr Informationen aufbereiten, für das andere Curriculae ändern – nicht gerade schnell umsetzbar.

Nicht jede:r erwartet, dass sein Arbeitgeber die Welt rettet, aber jede:r wird sicher sein wollen, dass die Firma, in der man seine Zeit und Fähigkeit investiert, die Welt zumindest nicht noch verschlechtert.

Was sind die interessantesten Benefits? Worauf legen die Arbeitnehmer:innen künftig besonderen Wert?

Maren Freyberg: Gute Bezahlung und die Aussicht auf künftig höhere Bezahlung – also Weiterentwicklungsmöglichkeiten –, wobei diese eher als Mittel zum Zweck gesehen werden, sowie ausreichend klar planbare Zeit für private Interessen. Gerade die kommenden Fach- und Führungskräfte sind nach wie vor enorm leistungsbereit, sie tragen das nur anders zutage als ihre Vorgänger:innen, bei denen ständige Bereitschaft und Leidensfähigkeit Ausweise der eigenen Bedeutung waren. Nicht jede:r erwartet, dass sein Arbeitgeber die Welt rettet, aber jede:r wird sicher sein wollen, dass die Firma, in der man seine Zeit und Fähigkeit investiert, die Welt zumindest nicht noch verschlechtert.

Was sind die schrägsten Benefits, die schon jetzt geboten werden?

Maren Freyberg: Alibi-Mitarbeiter:innenbindung wie umfangreiche Couponhefte oder Partnerdeals, bei denen die Preise teilweise fünf Prozent über Marktpreis liegen und der Arbeitgeber noch eine Innenprovision bekommt. Ansonsten gibt es eigentlich keine „schrägen“ Benefits. Präferenzen sind unterschiedlich und im Rahmen der Corporate Governance sowie der Steuergesetzgebung gibt es die unterschiedlichsten plausiblen Konstrukte.

Angesehen ist, wer oben ist und viele unter sich hat. Der beste Experte kann noch so gut sein, ist aber heute meist weniger „wert“ als die Führungskraft.

Was sind die größten Hebel, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

 

Maren Freyberg: Ich sehe insgesamt drei Hebel.

Erstens: Eine höhere gesellschaftliche Wertschätzung für Kräfte mit Fachkenntnis und geringer Führungsambition. Aktuell ist es immer noch andersherum: Angesehen ist, wer oben ist und viele unter sich hat. Der beste Experte kann noch so gut sein, ist aber heute meist weniger „wert“ als die Führungskraft. Versuchen Sie, Kindern mal zu erklären, dass jemand, der Menschen rettet, weniger verdient als jemand, der Immobilien dekoriert oder Plakate gestaltet. Wieso sind es Figuren wie „Bob der Baumeister“ und nicht „Emil der Eventmanager“, die Kinder bewundern?

 

Zweitens: In der Personalauswahl auf Zielkompetenzen und -eigenschaften setzen und das fachliche Wissen dafür strukturiert und langfristig im Unternehmen aufzubauen und kulturell zu verankern – strukturell und beständig. Dazu muss man aber sehr gut Kompetenzen erkennen und beurteilen können – und das ist zugegebenermaßen nicht leicht.

 

Drittens: Die Hemmung, sich von außen beraten zu lassen. Ja, ein Unternehmen muss seine eigenen Mitarbeiter:innen gewinnen und einbinden können. Und gleichzeitig wird die enge Bindung einer loyalen HR-Abteilung zu den Kolleg:innen des Unternehmens diese fast schon betriebsblind machen. Gönnen Sie sich eine externe Sicht und eine externe Hand bei der Auswahl und dem An-Board-Nehmen der Neuen. Entscheiden müssen Sie ohnehin noch selbst!