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Business-Ökosysteme geben dem Mittelstand Perspektive

Von einem Business-Ökosystem profitieren idealerweise alle Beteiligten.
Bild: © Panumas / Adobe Stock

Business-Ökosysteme geben dem Mittelstand Perspektive

Teil eines Business-Ökosystems zu sein, kann die Innovationskraft und das Wachstum eines Unternehmens beflügeln. Dies gilt nicht nur für Global Player, sondern auch für mittelständische Digitalunternehmen. Ein solches Unternehmens-Ökosystem verspricht KMU:

  1. neue Produktkategorien und Möglichkeiten der Wertschöpfung zu entwickeln,
  2. neue Kundengruppen durch genauere Ausrichtung auf Kundenwünsche zu erschließen,
  3. im digitalen Wandel flexibler zu reagieren und Change-Prozesse natürlicher und agiler umzusetzen.

Nach der letztjährigen Deloitte-Studie „Digitale Strategien im Mittelstand“ machten bereits über die Hälfte der deutschen Mittelständler von den Möglichkeiten einer Unternehmensstrategie auf Basis von Ökosystemen Gebrauch. Der genannte dritte Vorteil eines solchen Modells vernetzter Geschäftsprozesse ist wohl aber gleichzeitig auch der Grund dafür, warum bald kaum ein Unternehmen mehr ohne diese Konzepte überleben wird.

Sind Business-Ökosysteme für KMU bald alternativlos?

Die digitale Transformation stellt vor allem die mittelständische Unternehmenslandschaft vor veränderte Realitäten. Branchengrenzen verschwimmen, Beziehungen zu Kunden und Lieferanten sind höchst volatil, Wettbewerber und vor allem innovationsdynamische Start-ups rollen Märkte in Rekordzeit auf, um ebenso rasant wieder in den Orkus des Vergessens zu rauschen. Überkommene Geschäftsmodelle, Produkt- und Businessstrategien müssen sich diesen Prozessen wohl oder übel beugen.

Doch genau diese VUCA-Situation bietet auch eine Chance: Digitalisierung und schwindende Branchenlösungen ermöglichen gerade im Mittelstand Kooperation mehrerer Unternehmen auf Augenhöhe, um neue Produkte und Services zu entwickeln, die jedes einzelne Unternehmen für sich allein nicht bereitstellen könnte. Mittelständlern, die sich jetzt aufgeschlossen zeigen und proaktiv beginnen, ihr eigenes Business-Ökosystem zu kultivieren, winkt allein wegen der Trägheit vieler Wettbewerber noch ein möglicherweise entscheidender Vorsprung.

Was sind Business-Ökosysteme?

Ein Unternehmen ist immer Teil eines umfassenderen Systems – eines gesamtwirtschaftlichen Gefüges, das sich durch Innovation getrieben beständig weiterentwickelt, evolviert. So lässt sich der von James F. Moore 1993 geprägte Begriff Business Ecosystem auf den Punkt bringen. Was bedeutet das aber konkret?

Innovation ist immer der Treiber des Ganzen. Sie bringt mehrere Unternehmen dazu, sich mit ihr auseinanderzusetzen und auf ihrer Basis neue Anwendungen und Produkte zu entwickeln. Hier das Besondere: Die Unternehmen stehen dabei nicht nur im Wettbewerb zueinander, sondern sie kooperieren miteinander, arbeiten gemeinsam wettbewerbsorientiert zusammen und beziehen eine neue Generation von Innovationen ein. Sie ko-evolvieren, indem jedes Unternehmen von der Existenz und der Weiterentwicklung der jeweils anderen Mitglieder im Unternehmensnetzwerk profitiert.

Es handelt sich bei einem Business-Ökosystem in diesem Sinne also um eine vernetzte, doch relativ freie Kooperation mehrerer Unternehmen einer oder mehrerer Branchen. Die Wertschöpfungskette eines Unternehmens erweitert sich zu einem Wertschöpfungsnetzwerk mehrerer Partner.

Die bekanntesten Ökosysteme sind virtuelle Unternehmensnetzwerke wie Amazon, Apple, Facebook, Google, Airbnb oder Uber, die allesamt auf digitalen Plattformen basieren. Mit Otto setzt ein deutsches Traditionsunternehmen auf Plattform-Ökonomie, junge hungrige Player wie Delivery Hero ebenfalls. Eine solche Plattform ist dabei allerdings nicht ausschlaggebend. Es gibt auch reale Business-Ökosysteme, die in normalen Unternehmensnetzwerken durch Einsatz von neuen Kommunikations- und Informationstechnologien entstehen können.

Wie profitiert ein KMU von einem Business-Ökosystem?

Business-Ökosysteme ermöglichen es KMU, sich vorsichtig den Anforderungen der Digital Economy zu nähern und im Austausch mit geeigneten Partnern geeignete Strukturen zu adaptieren, innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln, am Markt zu erproben und graduell ihre Wertschöpfungskette zu transformieren.

Der Aufbau eines neuen Business-Ökosystems – oder der Beitritt zu einem bestehenden – ist damit eine strategische Entscheidung mit langfristigen Auswirkungen auf die Unternehmensentwicklung und -ausrichtung. Ein gewaltiges Potenzial für KMU ist an dieser Stelle, dass die Partizipation an einem digitalen Business Ecosystem die Innovationskultur katapultartig nach oben schnellen lassen kann.

Die Beziehungen innerhalb eines Business-Ökosystems haben verschiedene Dimensionen. Einige davon sind etwa:

  • Crowdsourcing
  • Plattformökonomie
  • Start-up-Kooperation

#1 Crowdsourcing

Beim Crowdsourcing werden eigentlich interne Teilaufgaben an eine größere Gruppe von Menschen ausgelagert. Ein Paradebeispiel für eine sinnvolle Einbeziehung der „Schwarmintelligenz“ ist die Kundenbeteiligung in der Produktentwicklung eines Community-Projekts. Open-Innovation-Konzepte oder Crowdtesting tragen dabei nicht nur zur innovativen und kundenzentrierten Produktentwicklung, sondern gleichzeitig zur Steigerung der Außenwahrnehmung bei. Crowdsourcing ist eine moderne Variante der Arbeitsteilung, bei welcher der Konsument, der ohnehin Teil des Business-Ökosystems eines Unternehmens ist, eine Aufwertung zum gleichberechtigten Kooperations- und Kommunikationspartner erfährt.

#2 Plattformökonomie

Ob im Energie-, Telekommunikations-, Transport-, Kredit- oder Automobil-Zulieferer-Gewerbe – der Trend führt in allen Branchen weg vom Verkauf einzelner Produkte oder Dienste hin zu mehrdimensionalen Lösungen für spezifische Kundenbedürfnisse. Digitale Plattformen sind es, die im Rahmen der Plattformökonomie (Platform Economy) ein virtuelles Business-Ökosystem schaffen, in dem

  • Hersteller,
  • Anbieter von Produkten und Dienstleistungen,
  • Kunden und Konsumenten

zusammenkommen und in verschiedensten Wechselwirkungen interagieren. KMU profitieren davon, ihre Produkte dank der Kooperation mit Drittanbietern zu komplexen Kundenlösungen erweitern zu können und eine direkte Schnittstelle zu Kunden weltweit zu erhalten.

#3 Gig Economy und flexibler Zugriff auf Arbeitskraft und Experten-Know-how

Neben den Herausforderungen der Digitalisierung ist es in vielen Gewerken der Fachkräftemangel, der KMU existenziell bedroht. Business-Ökosysteme können auch in diesem Aspekt Abhilfe schaffen, da sie das Know-how und die digitale Expertise von Fachkräften allen Teilen des Ecosystems zugänglich macht. Freelancer und andere flexible Beschäftigungsmodelle sind im Begriff, festangestellte Mitarbeiter in vielen Positionen zu ersetzen. Auch die Notwendigkeit zur Beschäftigung externer Dienstleister und Berater würde weitgehend entfallen.

#4 Start-up-Kooperation

Große Firmen leben es vor: Sie wissen, dass permanente Disruptionen in Zeiten digitalen Wandels auch alteingesessenen Erfolgsmodellen im Handumdrehen jegliche Grundlage entziehen können. Permanenter Innovationsdruck ist es, der etablierte Global Player dazu bringt, sich das Know-how kleiner Start-ups ins Boot zu holen und so in ihr eigenes wirtschaftliches Ökosystem zu integrieren.

Beide Seiten profitieren von dieser Kooperation: Kleinere Player erhalten Zugang zu Ressourcen, Produktionsmitteln und Kunden großer Unternehmen. Diese wiederum profitieren, indem angestaubte Denkstrukturen sowie eine festgefahrene Branchenlogik aufgebrochen und agile Entwicklungsmethoden eingeführt werden. Sie erhalten einen externen Innovationsschub und erschließen sich über die Kooperation und Innovation neue Zielgruppen.

Das gilt es bei der Teilnahme an einem Business-Ökosystem zu beachten

Ohne vorausschauende Strategie und Planung ein Business-Ökosystem zu schaffen, ist nicht ratsam. Zunächst sollten sich alle beteiligten im Klaren darüber sein,

  • für welches Nutzenversprechen das Netzwerk einstehen soll,
  • welche Lösungen zur Erfüllung dieses Versprechens entwickelt werden müssen,
  • wie viele Partner zur Realisierung dieser Lösungen notwendig sind und
  • ob die Gesamtmarge aus dem Nutzenversprechen die Kosten und Risiken aller am Ökosystem beteiligten Unternehmen rechtfertigt.

Trotz aller verlockenden Vorteile birgt die Partizipation in einem Business-Ökosystem für alle beteiligten Unternehmen immer auch unternehmerische Risiken, erheblichen Koordinationsaufwand und natürlich gegenseitige Abhängigkeiten. Zu den größten Hemmnissen, die Mittelständler daran hindern, Unternehmensnetzwerke zu bilden, zählt die Angst, Geschäftsgeheimnisse und wettbewerbsrelevante Informationen preisgeben zu müssen. Hinzu kommen Bedenken bezüglich der Haftung und Datensicherheit.

Daher gilt:

  1. Risikomanagement ist auch für KMU absolut empfehlenswert. Hierzu sollten klar orchestrierende und komplementierende Positionen besetzt werden.
  2. Erfolgsmessung und -bewertung erfordern vorab die Definition von Kriterien, die an die Zeitachse des Innovationszyklus angepasst sind, und dynamische Metriken.
  3. Es ist ratsam, sich an mehreren Ökosystemen zu beteiligen, um nicht vollständig von der Tragfähigkeit eines Netzwerks abhängig zu sein.

Eine wirkliche Erweiterung des Handlungsfelds erfordert ein Ökosystem mit einer ausreichenden Anzahl an Teilnehmern. Hierbei empfiehlt sich ein Cross-Industry-Ansatz, der gezielt gewählte Player verschiedener Sektoren, Branchen und Organisationsformen zusammenbringt.

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