Beyond Checkout: Tim Böker von Gartenhaus.com über die Zukunft des E-Commerce

Tim Böker, CEO von Gartenhaus.com, über die Zukunft des E-Commerce und über die Fragen, wie AI Prozesse grundlegend verändert und warum Profitabilität zur wichtigsten KPI wird, wenn sich die Spielregeln im Markt verschieben.

Tim Böker, CEO von Gartenhaus.com
Bild: © Gartenhaus.com

Von Use Cases zum Impact: Wie AI im Commerce Wertschöpfung neu definiert

Unter dem Motto „Scaling Intelligence“ signalisiert die DMEXCO 2026 einen Wendepunkt: Künstliche Intelligenz wird vom Experiment zur treibenden Kraft der Wertschöpfung. Im Fokus steht nicht länger, ob AI genutzt wird, sondern wie wirkungsvoll sie in Prozesse, Geschäftsmodelle und Entscheidungen eingebunden ist – und welchen messbaren Mehrwert sie schafft.

Unsere Interviewreihe „Beyond Checkout: Leading Minds in Commerce“ knüpft genau hier an: Führende Branchenstimmen beleuchten die entscheidenden Themen rund um die Zukunft des E-Commerce: von Technologie über Differenzierung bis zu nachhaltigem Wachstum.

Tim Böker ist CEO von Gartenhaus.com, einem der führenden Unternehmen der DIY-Branche in Europa, das spezialisiert auf den Online-Vertrieb von Gartenhäusern, Saunen, Carports und Co ist. Tim Böker fungiert gleichzeitig als Chief Growth Officer der YDEON Group, der Muttergesellschaft von Gartenhaus.com, in der er Wachstum und Internationalisierung digitaler Consumer-Marken strategisch verantwortet.

Was wird 2026 im Commerce überschätzt – und was komplett unterschätzt?

Überschätzt wird aus meiner Sicht die Geschwindigkeit, mit der sich das Nutzerverhalten bei der Produktsuche verändern wird. Es wird noch Zeit brauchen, bis sich neue Suchmechaniken wirklich durchgesetzt haben. Auch Agentic Commerce wird aus meiner Sicht überschätzt. Die Idee, Kaufprozesse vollständig zu automatisieren und zu delegieren, ist nicht neu. Auch Voice Commerce ging in diese Richtung. Ich glaube, Kund:innen möchten die Kontrolle gar nicht komplett abgeben.

Unterschätzt wird hingegen das Disruptionspotenzial von AI für Händler. Die Auswirkungen auf Prozesse, Kostenstrukturen und Wettbewerbsdynamiken sind erheblich – und werden viele Geschäftsmodelle stärker verändern, als heute noch angenommen wird.

Wo hat AI das Commerce Business bisher wirklich strukturell verändert und wo war es eher ein gut klingendes Experiment?

Wir stehen erst am Anfang, aber AI wird das Commerce Business grundlegend verändern. Nicht nur der Zugang zu Kund:innen verändert sich, auch die Relevanz von Angeboten und Produkten wird durch AI nun ganz neu bewertet. Das ist übrigens eine gute Entwicklung. Denn es stehen nun wirklich die Bedürfnisse der Kund:innen im Zentrum des Kaufprozesses, auf die wir Händler eine Antwort liefern müssen. Für den E-Commerce positiv ist, dass das über Jahrzehnte bestehende Monopol von Google nun aufbricht und damit neue Chancen bietet.

Für den Händler ist es heute wichtiger denn je, authentisch zu sein, von Kund:innen als Marke wahrgenommen zu werden und genau zu wissen, was die Kund:innen suchen, welche Fragen sie zum Produkt haben und darauf eine Antwort zu liefern.

Wann war der Moment, in dem dir klar wurde: AI darf kein Add-on bleiben, sondern muss in die Kernprozesse?

Der entscheidende Moment war, als ich gesehen habe, dass Mitarbeitende angefangen haben, AI Tools eigenständig und organisch in ihren Arbeitsalltag zu integrieren, um effizienter zu arbeiten.

Ab diesem Punkt war klar: AI entwickelt sich von selbst zum integralen Bestandteil der Prozesse – und sollte entsprechend strukturiert und strategisch verankert werden.

Wenn du dein digitales Geschäftsmodell heute neu aufsetzen würdest: Was wäre von Anfang an AI-native gedacht?

Tech-Infrastruktur und Prozesse wären von Anfang an AI-native gedacht.

Welche Entscheidungen triffst du noch bewusst ohne AI?

AI ist für mich in erster Linie ein Recherche- und Unterstützungstool. Die eigentlichen Entscheidungen treffe ich. AI kann Informationen aufbereiten, Optionen aufzeigen und Entscheidungsgrundlagen liefern – aber Verantwortung und Bewertung bleiben beim Menschen.

Wie viel Automatisierung verträgt Customer Experience, bevor sie sich unpersönlich anfühlt?

Es kommt auf die richtige Mischung an. Menschen wollen mit Menschen interagieren – das bleibt ein zentraler Faktor in der Customer Experience. Bei uns hat sich das beispielsweise darin gezeigt, dass viele Kund:innen bei der Nutzung unseres Chatbots aktiv gefragt haben, ob sie mit einem Menschen oder einem Bot sprechen.

Das Vertrauen ist ganz unterschiedlich, je nachdem, welches Anliegen man hat. Automatisierung ist sinnvoll für Geschwindigkeit, Erreichbarkeit und einfache Anliegen. Gleichzeitig braucht es immer die Möglichkeit, einen persönlichen Ansprechpartner einzubinden – insbesondere bei komplexeren oder emotionalen Themen. Die beste Customer Experience entsteht dort, wo beides intelligent kombiniert wird.

Wenn alle Zugriff auf die gleichen Tools haben – worüber differenziert man sich künftig im Commerce noch?

Differenzierung geschieht dann über zwei Faktoren: Produkt und/oder Service. Technologie – insbesondere UX – wird zunehmend zum Hygienefaktor. Sie muss funktionieren, bietet aber kaum noch echte Differenzierungsmöglichkeiten. Der entscheidende Unterschied entsteht entweder über das Produkt selbst, also durch echte Innovation oder Produkthoheit, oder über herausragenden Service und Beratung. Händler, die eigene Produkte kontrollieren oder exklusiv entwickeln, haben einen klaren Vorteil. Für alle anderen wird Service zum zentralen Hebel: Wer Kund:innen besser berät, begleitet und Mehrwert schafft, kann sich auch ohne einzigartige Produkte im Wettbewerb behaupten.

Ist der Online Shop 2026 noch das Zentrum des digitalen Handels oder nur noch ein Touchpoint von vielen?

Der Online Shop ist klar nur noch ein Touchpoint von vielen – das eigentliche Zentrum verschiebt sich zu Plattformen. Plattformen bündeln Reichweite, Aufmerksamkeit und Transaktion an einem Ort. Entwicklungen wie TikTok Shop zeigen, wie schnell neue Player relevant werden können – innerhalb kürzester Zeit haben sie sich im Markt etabliert. Online Shops machen nur einen kleinen Teil des gesamten digitalen Handelsvolumens aus. Entscheidend ist: Präsenz dort, wo die Kund:innen sind! Das wird sich in Zukunft auch nicht ändern.

Wer wird in Zukunft die Spielregeln im Commerce bestimmen: Plattformen, Marken oder diejenigen mit dem besten Kundenzugang?

Alle drei. Plattformen haben in vielen Fällen den stärksten Hebel, weil sie den direkten Kundenzugang kontrollieren und damit Reichweite sowie Distribution dominieren. Direkt danach kommen starke Marken. Wer es schafft, echten Markenwert aufzubauen, wird unabhängiger von einzelnen Vertriebskanälen. Solche Produkte funktionieren kanalübergreifend – sie können im Prinzip überall verkauft werden, weil die Nachfrage aus der Marke selbst heraus entsteht. Am Ende gewinnen diejenigen, die entweder den Zugang zu den Kund:innen besitzen oder eine so starke Marke aufgebaut haben, dass sie diesen Zugang nicht mehr zwingend benötigen.

Was ist aktuell gefährlicher im Commerce: zu langsam bei AI zu sein oder zu schnell?

Auf operativer Ebene ist zu langsam zu sein aktuell deutlich gefährlicher, zu schnell gibt es da fast nicht. Die Entwicklung im AI-Bereich verläuft extrem dynamisch – Tools, Use Cases und Best Practices verändern sich teilweise im Monatsrhythmus. Wer hier nicht schnell adaptiert und bereit ist, Lösungen auch wieder auszutauschen, weil es schon wieder viel bessere gibt, verliert wertvolle Effizienzpotenziale und Wettbewerbsfähigkeit.

Auf der Kundenseite ist die Situation differenzierter. Kundenverhalten verändert sich deutlich langsamer und ist stark branchenabhängig. Hier braucht es Augenmaß: dranbleiben, ohne jedem Hype zu folgen. Entscheidend ist, AI dort einzusetzen, wo sie echten Mehrwert schafft – ohne die Customer Experience zu überfordern.

Welche KPI wird 2026 wichtiger sein als alles, worauf wir heute optimieren?

Profitabilität wird zur entscheidenden KPI. Während früher Umsatzwachstum und Marktanteile im Fokus standen, geht es heute zunehmend darum zu zeigen, dass ein Geschäftsmodell nachhaltig tragfähig ist. Viele Unternehmen haben in der Skalierungsphase Kostenstrukturen aufgebaut, die sich nur schwer wieder reduzieren lassen. Die zentrale Frage lautet daher: Ist das Geschäftsmodell auch ohne permanente Investitionen profitabel? Wer das nicht belegen kann, wird es im Wettbewerb zunehmend schwer haben.

Fazit: Die Zukunft des E-Commerce braucht mehr als AI

AI ist im Commerce vom Experiment zum skalierbaren Impact-Faktor geworden, auch wenn Hypes wie neue Suchmechaniken oder vollständige Automatisierung langsamer greifen. Der größte Hebel liegt bereits heute in Effizienz, Kostenstrukturen und datengetriebener Relevanz.

In Zukunft wird im E-Commerce Technologie zur Grundvoraussetzung, während Plattformen den Kundenzugang neu verteilen. Die Differenzierung entsteht über starke Produkte, exzellenten Service und echte Kundennähe.

Entscheidend ist, AI konsequent in Kernprozesse zu integrieren und gleichzeitig eine überzeugende Customer Experience zu sichern.

Du willst die Zukunft des E-Commerce nicht nur verstehen, sondern gestalten? Dann ist die DMEXCO 2026 der richtige Ort für dich: Hier triffst du Entscheider:innen und Vordenker:innen, um Strategien weiterzuentwickeln, Erfahrungen auszutauschen und den nächsten Schritt im Commerce gemeinsam zu gestalten.

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