7 Start-up Mythen im Realitätscheck

Start-ups werden idealisiert oder verteufelt. Die Wahrheit liegt wie immer dazwischen. Ein Interview mit Nico Lumma und Christoph Hüning vom Start-up-Partner Next Media Accelerator über gängige Mythen.

Nico Lumma, Managing Partner / Christoph Hüning, Managing Partner bei next media accelerator
Nico Lumma, Managing Partner / Christoph Hüning, Managing Partner bei Next Media Accelerator

DMEXCO: Nico, was ist für dich ein Start-up?

Nico Lumma: Wir definieren Start-up als eine Gründung, die Technologie im Kern hat und dadurch schneller und besser skalieren kann als herkömmliche Firmengründungen.

DMEXCO: Christoph, wie innovativ müssen Start-ups sein?

Christoph Hüning: Start-ups müssen im Innovationsgrad überdurchschnittlich sein, um zu überleben. “Me-too”-Produkte in engen Branchen haben es schwer, da etablierte Player Vorteile in der Skalierung und finanziellen Ausstattung haben. Alle erfolgreichen Start-ups sind innovativ, das kann die Produktidee sein, aber auch der Marktangang. Nur aus neuen Ideen entstehen in unserem Sinne echte Start-ups. Nicht innovative Start-ups werden schnell scheitern bzw. eigentlich gar nicht erst gegründet.

DMEXCO: Mythos Nr. 1 ist: Start-ups haben mit herkömmlichen Unternehmen wenig gemeinsam. Richtig oder falsch?

Christoph Hüning: Heutige Start-ups treten häufig mit dem Anspruch an, klassische Unternehmen oder Industrien disruptiv zu verändern, daher muss es dort Unterschiede geben. Aber viele klassische Unternehmen sind mit einer Idee und einem kleinen Team gestartet, waren also sozusagen selbst ein Start-up. Diese Kultur zu bewahren ist eine unternehmerische Herausforderung.

DMEXCO: Wie attraktiv ist diese Kultur für Mitarbeiter?

Nico Lumma: Start-ups haben einen großen Vorteil gegenüber etablierten Unternehmen: Die ersten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können viel bewegen und gestalten das Unternehmen mit. Dadurch sind die Arbeitsplätze gerade für junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sehr attraktiv.

DMEXCO: Mythos Nr. 2: Die Start-up-Szene gilt nicht nur als jung, sondern auch als männerdominiert. Welche Rolle spielt Diversität?

Nico Lumma: In Sachen Diversität gibt es starken Nachholbedarf, denn die “Old Boys Networks” funktionieren immer noch und schränken natürlich die Sichtweisen auf Dinge ein. Zu viel Homogenität geht zu Lasten der Innovation und daher müssen wir dringend bessere Rahmenbedingungen schaffen, damit Start-ups von Frauen oder von Menschen mit Migrationshintergrund schneller und besser an Investments gelangen.

DMEXCO: Mythos Nr. 3: Arbeiten in Start-ups ist hip und schick und macht glücklich. Das denken zumindest einige. Andererseits ist vom “Gründer-Burnout” die Rede und dass Gründer besonders depressionsgefährdet seien. Wie seht ihr das?

Christoph Hüning: Es gibt Burnouts bei Start-ups ebenso wie bei klassischen Unternehmen und es gibt auch in klassischen Unternehmen glückliche Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Diese sind aber wahrscheinlich keine Gründertypen. Eine echte Unternehmerin wird niemals in einer Festanstellung glücklich werden. Dabei hat Arbeiten im Start-up im Alltag nichts mit den Klischees vom Kickertisch und Früchtekorb zu tun. Hiermit versuchen meistens klassische Unternehmen ein bisschen wie Google zu sein. Das klappt aber häufig nicht.

DMEXCO: Wohin entwickelt sich die Start-up-Branche gerade?

Nico Lumma: Die Start-up-Branche wächst weiterhin stark und ist damit Innovationstreiber der Wirtschaft. Etablierte Unternehmen versuchen zunehmend mit Startups zusammenzuarbeiten oder deren Arbeitsweisen zu übernehmen, um wieder agiler am Markt auftreten zu können. Generell sehen wir, dass sich die Branche immer weiter professionalisiert und gleichzeitig die Hürden für das erfolgreiche Gründen eines Start-ups immer geringer werden, weil beispielsweise viele Technologie-Grundlagen schon verfügbar sind.

DMEXCO: Mythos Nr. 4: Berlin ist das Silicon Valley der deutschen Start-up-Welt. Richtig?

Nico Lumma: Nein, ist es nicht. Berlin ist das Berlin der deutschen Start-up-Welt. Das Silicon Valley ist so einzigartig, dass Vergleiche mehr als nur hinken. Die seit den 60ern geschaffene und konsequent weiterentwickelte Innovationskultur des Silicon Valley, gestützt durch viele Milliarden aus dem Rüstungsetat der USA für Forschung und Entwicklung sind kaum nachbildbar in Europa. So hat Berlin eine ganz eigene Start-up-Kultur geschaffen, die aber völlig andere Ausprägungen erfahren hat, beispielsweise im Bereich E-Commerce.

DMEXCO: Mythos Nr. 5: Im Vergleich zu den USA und China sind die wirtschaftspolitischen Bedingungen hierzulande mittelmäßig. Wie groß ist das Problem tatsächlich?

Christoph Hüning: Wir haben Nachteile im Steuersystem bereits im europäischen Vergleich. Gleichzeitig offenbart die aktuelle Diskussion unserer Politik zu digitalen Themen ein schon fast erschreckendes Bild, wenn wir bedenken, dass hier die Rahmenbedingungen entschieden werden. Was große Finanzierungen angeht, sind USA und China sicher durch die Größe einen Schritt voraus. Hier können wir aber andere Vorteile in die Waagschale werfen.

DMEXCO: Zum Beispiel?

Nico Lumma: Die Heterogenität im digitalen europäischen Binnenmarkt ist zum Beispiel eine Chance für europäische Gründer. Ein gutes Marktverständnis bietet einen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem reinen Zugang zu Kapital. Gerade in frühen Phasen ist das wichtig zu verstehen. Langfristig muss Europa natürlich auch im Bereich Finanzierungssummen aufholen.

DMEXCO: Womit wir bei Mythos Nr. 6 wären: Ohne namhafte Investoren geht wenig. Stimmt das noch?

Christoph Hüning: Es kommt wie so oft drauf an. Gute Ideen können auch mit weniger Kapital erfolgreich sein, ganz ohne wird es nicht klappen. Entscheidend ist der Zugang, viele öffentlich unbekannte Stiftungen oder Family Offices können eine wichtige Rolle spielen. Generell hilft Venture Capital beim Wachstum und einer schnellen Skalierung, reines Bootstrapping braucht einen langen Atem.

DMEXCO: Zuguterletzt Mythos Nr. 7: Die Gründung in der Garage. Ist das in Deutschland überhaupt erlaubt oder würde das an den Vorschriften zum Arbeitsschutz scheitern?

Nico Lumma: Ich vermute mal, dass es dort in der Regel kein WLAN gibt und würde eher anraten, ein Café oder Co-Workingspace für eine Gründung zu nutzen.

Fazit

Die hiesige Start-up-Welt ist weniger exotisch, dafür aber pragmatischer und professioneller als ihr Ruf. In den Zeiten der “New Economy” galten Start-ups noch als Gegenentwurf zur klassischen Wirtschaft. Heute sind sie Partner, Schrittmacher und Vorbilder für etablierte Unternehmen. Im Future Park der DMEXCO kann sich jeder Besucher persönlich davon überzeugen.

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