Zurück

Wie Apple, Google & Co. uns vor uns selbst beschützen

Wie Apple, Google & Co. uns vor uns selbst beschützen

Apple, Google, Facebook, Netflix: Sie alle und viele mehr kämpfen jeden Tag um unsere Aufmerksamkeit. Damit sind sie inzwischen so erfolgreich, dass manche Beobachter es als Gefahr für unser geistiges und seelisches Wohl ansehen. Zu diesen Kritikern gehört Googles ehemaliger „Design Ethicist“ Tristan Harris, der gegen zunehmende Digitalsucht zu Felde zieht und dabei gerade auch die Tech-Firmen selbst in der Verantwortung sieht.

Die wiederum haben natürlich ein großes Interesse daran, unsere Aufmerksamkeit auf sie zu lenken: Je mehr wir deren Geräte und Dienste nutzen, desto mehr und gezieltere Werbung können sie uns anzeigen. Oder – wie im Fall von Apple und Netflix – Kundentreue sichern. Netflix beispielsweise überflutet den Markt geradezu mit immer neuen Serien, um auf diese Weise die Konkurrenz abzuwehren. Aber das macht Amazon mit seinem Videostreamingdienst natürlich auch. Schon verdoppelt sich die Flut.

Der Spielautomat in der Hosentasche

Smartphone- und Internet-Abhängigkeit sind dabei kein Hirngespinst. Oftmals sind hier dieselben Mechanismen am Werk, die Spielsucht auslösen und unsere unterbewussten Schwächen gezielt ausnutzen. Mit moderner Technik lässt sich dieser Suchtfaktor immer weiter steigern, wie u.a. Natasha Dow Schüll in ihrem Buch „Addiction by Design“ am Beispiel der elektronischen Spielautomaten in Las Vegas aufgezeigt hat.

Jede neue Benachrichtigung und jeder neue Like oder Kommentar gibt unserem Gehirn ein kleines Erfolgserlebnis. Gezielt schüren die Tech-Firmen zugleich unsere unterschwellige Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Sie nutzen unser Streben nach Anerkennung. Sie versuchen uns ein schlechtes Gewissen einzureden, wenn wir zu wenig aktiv sind. Und das sind nur einige Beispiele.

Wir werden immer abgelenkter und verbringen mehr Zeit mit Dingen, die nicht wirklich wichtig sind, sondern nur so scheinen. Und der Strom dieser Ablenkungen ist absichtlich endlos.

Auch Ex-Googler Tristan Harris vergleicht diese Tricks mit denen von Spielautomaten. 2015 schließlich gründete er seine Organisation „Center for Humane Tech“, um dieser Entwicklung entgegenzusteuern. Ihr erklärtes Ziel: „Time Well Spent“ – Zeit gut verbracht. Er fordert die Tech-Unternehmen auf, auch ans Wohl der Nutzer zu denken und nicht nur an ihren eigenen Profit.

Take Care: Mit neuen Optionen gegen die Sucht

Einige dieser Unternehmen steuern inzwischen tatsächlich gegen. Apple beispielsweise hat in iOS 12 gerade eine neue Funktion namens „Bildschirmzeit“ für alle iPhones und iPads integriert. Darin kann man detailliert sehen, wie häufig und wofür man sein Gerät nutzt. Man kann sich selbst Grenzen für einzelne Apps oder auch für die Nutzung insgesamt auferlegen. Und nicht zuletzt können Eltern damit die Smartphone-Nutzung ihrer Kinder überwachen und regulieren.

Weitere Funktionen helfen dabei, das iPhone auch einmal zur Seite zu legen. So kann man Zeiten bestimmen, zu denen man überhaupt gar keine Benachrichtigungen auf dem Sperrbildschirm sehen will und man nur einige ausgewählte Apps nutzen kann.

Ganz ähnlich sehen wir es in der neuesten Android-Version. Dort gibt es ebenfalls eine Übersicht dazu, wie man sein Gerät nutzt und wofür. Und auch hier lassen sich ganz bewusste Grenzen setzen. Apps lassen sich dann nicht mehr öffnen. Und Android wechselt in einen Schwarz-Weiß-Modus um einen daran zu erinnern, dass man sein Smartphone eigentlich nicht mehr kurz vor dem Schlafen gehen nutzen wollte.

Und auch Facebook hat gerade dieses Jahr für sich entdeckt, dass viel Nutzungszeit nicht unbedingt glücklichere Nutzer bedeutet. Oftmals ist das Gegenteil der Fall und Menschen bemerken selbst ihr Suchtverhalten. In Facebooks Heimatland USA gibt es dafür einige Anzeichen: So haben laut einer Studie von Pew Research 26 Prozent der Befragten die App vom Handy gelöscht. 54 Prozent haben ihre Privatsphäreeinstellungen geändert. Und wie die Marktforscher von Nielsen festgestellt haben, ist Facebooks Nutzungsdauer im Jahresvergleich um sieben Prozent gesunken. Das aber sieht CEO Mark Zuckerberg als akzeptabel an. Es sei in Ordnung, wenn Nutzer weniger Zeit mit dem Social Network verbringen. Wichtiger sei ihm, dass man auf Facebook „sinnvolle Gespräche“ führe und sich als Teil einer Gemeinschaft fühle.

Fazit

Bei mir gehört es zum Beruf, in hohem Maße vernetzt zu sein und über aktuellste Entwicklungen Bescheid zu wissen. Das aber bedeutet nicht, dass ich jederzeit erreichbar bin oder über jede Kleinigkeit sofort informiert sein muss. So habe ich die Zahl der Benachrichtigungen auf ein absolutes Minimum heruntergeschraubt. Die runden, roten Sticker an den Apps in iOS habe ich abgeschaltet. Zum Checken von E-Mails und anderen Nachrichten gibt es in meinem Tagesablauf feste Termine. Und, ja: Die Welt dreht sich weiter und ich habe mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge.

Diese Story teilen