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Potenziale kennen und nutzen: agile Prozesse in der Produktentwicklung

Agile Produktentwicklung
Bild: © Viewzilla / Adobe Stock

Am Ende des Wasserfalls – wenn konventionelle Entwicklungsmethoden an ihre Grenzen stoßen

Klassische Methoden der Produktentwicklung können schnell an ihre Grenzen stoßen, wenn es darum geht, passgenaue Lösungen für Vertrieb und Kunden zu kreieren. „Das Problem sind die oft unflexiblen Produktionsprozesse“, weiß Theine. Als Verantwortlicher für das Themenfeld Produkte bei dem Consulting-Unternehmen zeb berät und begleitet er Kunden bei der erfolgreichen Einführung von agilen Prozessen. Sein Fokus liegt auf Produkten in der Versicherungswirtschaft.

„Eine konventionelle Vorgehensweise nach dem Wasserfall-Modell ist starr aufgebaut.“ Es fehle zudem häufig an abteilungsübergreifender Kollaboration zwischen Entwicklung, Vertrieb und weiteren relevanten Stellen. So könne es durchaus passieren, dass die schlussendlichen Resultate nicht zum Produktportfolio und zu den vertrieblichen Anforderungen passen – und ebenso an den Kundenbedürfnissen vorbeigehen. Der agile Methodenkoffer löst dies:

Dank der agilen Produktentwicklung lassen sich die wesentlichen Leistungsbestandteile und Besonderheiten eines Produkts zielgerichtet erarbeiten, flexibel überarbeiten und optimal auf vertriebliche Anforderungen und Zielgruppeninteressen abstimmen.

Warum agile Produktentwicklung?

„Die agile Produktentwicklung hat gegenüber herkömmlichen Methoden eindeutige Vorteile“, berichtet Theine. „Es lassen sich bessere Produkte realisieren und die Verkaufszahlen können steigen – dies rechtfertigt den möglichen Mehraufwand für die Einführung und Anwendung agiler Arbeitsweisen.“ Theine nennt vier wichtige Pluspunkte:

  1. Wertsteigerung
  2. Risikominimierung
  3. Mehr Flexibilität
  4. Mehr Engagement

1. Wertsteigerung

Dank agiler Entwicklungsprozesse lassen sich wesentlich passgenauere Ergebnisse erzielen als mit herkömmlichen Methoden. Die zentralen Features eines Produkts können zielgerichtet und in kurzen Zyklen realisiert werden. Der Wert des Resultats steigt. Mythos: Die agile Produktentwicklung ist schneller als klassische Herangehensweisen. Das ist laut Theine oft nicht der Fall. Ziel des agilen Vorgehens ist es, bessere Ergebnisse zu schaffen. So könne ein Wasserfall-Vorgehen durchaus schneller sein, führe häufig aber zu einem weniger optimalen Endresultat.

2. Risikominimierung

Durch eine agile Produktgestaltung sinkt die Gefahr, am Vertrieb und an den Kunden vorbei zu entwickeln. Im Vergleich zu klassischen Entwicklungszyklen können Lösungen bereits früh am Kunden und im Vertrieb getestet werden. Ergebnisse und Optimierungspotenziale lassen sich direkt im nächsten Sprint einarbeiten. So werden Schritt für Schritt optimale Ergebnisse erzielt und monetäre Risiken minimiert.

3. Mehr Flexibilität

Die agile Produktentwicklung ist viel flexibler und erlaubt es stets, den eigenen Fahrplan anzupassen. Während Änderungsvorgänge bei einem Wasserfall-Vorgehen zeitintensiv und kostspielig sind, befinden sich agile Lösungen dank Iterationsschleifen und Sprintstruktur in einem kontinuierlichen Optimierungsprozess.

4. Mehr Engagement

Agile Produktentwicklungsmethoden machen es möglich, dass crossfunktionale Teams zielgerichtet zusammenarbeiten. „Dabei kann sich keiner zurücklehnen“, so Theine. „Alle Beteiligten sind kontinuierlich eingebunden. Man steckt die Köpfe zusammen. Jeder einzelne Mitarbeiter ist gefragt. Das ist natürlich anspruchsvoll, macht aber auch mehr Spaß.“ Das Level of Involvement ist in der agilen Produktentwicklung hoch – ebenso wie die Motivation der Mitarbeiter dank zeitnaher und sichtbarer Fortschritte.

Grundlagen für die Einführung von agilen Methoden

In Bezug auf die Einführung von agilen Methoden rät Theine: „Nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen!“. Unternehmen sollten und können nicht von heute auf morgen sämtliche Prozesse agil gestalten. „Produktverantwortliche sollten sich fragen, wo die Methoden Sinn machen und wo nicht.“ Agile Entwicklungsmethoden anzuwenden bereitet in der Regel keine Probleme. Die Einführung stellt eine Organisation hingegen auf den Prüfstand: „Bei vielen Unternehmen, die Produkte agil realisieren möchten, bestehen bislang noch keine agilen Organisationsformen“, so Theine. Oft seien bisherige Workflows starr nach dem Wasserfall-Modell konzipiert, sodass es gar nicht möglich sei, auf Frameworks wie Scrum umzuschwenken.

Wichtig ist es, zunächst die Räume für agile Prozesse zu schaffen.

Und das ist insbesondere ein Thema für die Führungsebene. So sei die Frage zu stellen, ob die Unternehmenskultur überhaupt auf dem Stand sei, um agil arbeiten zu können. „Es reicht nicht, nur das Methodenhandbuch zu lesen“, sagt Theine. So gilt: Bestehende Prozesse müssen grundlegend überdacht werden. Und nur wenn die Führungsebene eine agile Arbeitsweise vorlebt und den Mitarbeitern Orientierung und Sicherheit gibt, ist ein Change in der Produktentwicklung erfolgreich. So müsse das Verständnis dafür geschaffen werden, dass beispielsweise ein Mitarbeiter einen ganzen Tag nur für ein Projekt abgestellt werde.

Gut und zügig verläuft die Etablierung von Methoden der agilen Produktentwicklung, wenn die Voraussetzungen in den Projektmanagement-Einheiten geschaffen werden. Theine empfiehlt: „Grundsätzlich sollten sich Unternehmen einen erfahrenen Partner mit ins Boot holen. Eine Change-Begleitung oder mindestens ein Agile Coach unterstützt dabei, die erforderlichen Veränderungsprozesse für agile Arbeitsweisen anzustoßen.“ Ein vielversprechender Startpunkt sei eine anstehende Neuproduktentwicklung. Diese stelle eine hervorragende Möglichkeit dar, um Entwicklungsprozesse erstmalig agil zu gestalten und für künftige Produkte genauer zu definieren und auszuarbeiten.

Julia Stüdemann
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