Mini-Luxus, Maxi-Potenzial: Wie Marken von der Little Treat Culture profitieren

Verena Gründel kommentiert, wie Marken auf die aktuelle Little Treat Culture reagieren können.

Porträt von Verena Gründel
Bild: © Koelnmesse

Wenn sich große Träume nicht mehr erfüllen lassen, rücken kleine Wünsche in den Fokus. Die sogenannte Little Treat Culture beschreibt einen Konsumtrend, der für Marken enormes Potenzial bietet. Wer Produkte als Alltagsbelohnung inszeniert, trifft den Nerv einer Generation, die Sicherheit sucht – und sich dafür den kleinen Luxus gönnt.

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten verändert sich das Konsumverhalten – nicht nur im Volumen, sondern auch in seiner Psychologie. Little Treat Culture heißt das Phänomen, das in der aktuellen Krise an Relevanz gewinnt: der Trend zu kleinen, bewussten Belohnungskäufen im Alltag.

Iced Matcha Latte, Lipgloss, Duftkerze: Was zunächst banal klingt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als vielschichtiger Ausdruck gesellschaftlicher Realitäten. Denn in einer Welt, in der viele junge Menschen heute schon wissen, dass sie sich nie ein Eigenheim werden leisten können, finanzielle Stabilität für breite Teile der Mittelschicht unsicher geworden ist und Zukunftsängste den Alltag prägen, wird der kleine Luxus zum Symbol: für Kontrolle, Selbstfürsorge – und Eskapismus.

Vom Lipstick Effect zur Lifestyle-Strategie

Bereits während früherer Rezessionen wurde der sogenannte Lipstick Effect beobachtet: Konsument:innen griffen häufiger zu kleinen Luxusgütern – insbesondere Kosmetik –, wenn größere Anschaffungen ausblieben. Der Kauf eines hochwertigen Lippenstifts wurde zum psychologischen Ersatz für die unerreichbare Handtasche.

Die heutige Little Treat Culture ist die zeitgemäße Weiterentwicklung dieses Effekts – breiter gefasst, digital verstärkt, sozial aufgeladen. Plattformen wie TikTok haben den Trend mit Hashtags wie #littletreatculture massentauglich gemacht, doch die dahinterliegenden Mechanismen sind universeller Natur: Menschen gönnen sich kleine Genussmomente als Reaktion auf einen zunehmend belastenden Alltag.

Vielfach wird der Trend gerade der Gen Z zugeschrieben. Doch laut einer Analyse der Beratungsagentur Foresight Factory treiben vor allem Millennials den Trend voran: 28 Prozent der Gen Y bewerten kleine Treats regelmäßig mit 8 bis 10 Punkten auf einer 10er-Skala – deutlich höher als jede andere Generation.

Das kommt nicht von ungefähr: Millennials verdienen weniger als die Generationen vor ihnen, verfügen über weniger Vermögen und erleben häufiger Unsicherheit auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. Sie kompensieren den gefühlten Kontrollverlust mit konsumierbaren Ritualen, die Sicherheit geben.

Kleine Käufe, große Markeneffekte

Aus Marketingsicht ergeben sich daraus viele Chancen. Marken, die emotionale Relevanz schaffen wollen, müssen Produkte nicht nur funktional inszenieren, sondern sie in ein emotional aufgeladenes Nutzungserlebnis einbetten. Hier einige Tipps, wie sich Marken in der Little Treat Culture positionieren können:

  • Preispsychologie: Die Produkte sollen so gestaltet sein, dass man sie sich spontan leisten kann. Maximal 50 Euro, besser im einstelligen Bereich. Dies lässt sich zum Beispiel mit kleineren Verpackungsgrößen erreichen.
  • Verpackung als Erlebnis: Die Inszenierung eines Produkts wird Teil des Mehrwerts. Sie soll Spaß machen und Belohnung demonstrieren.
  • Ritual schlägt Produkt: Wer es schafft, einen Lippenbalsam zum Teil der Abendroutine oder eine limitierte Duftkerze zum Sonntagsritual zu machen, bleibt langfristig im Kopf. Denn regelmäßige Anwendung schafft emotionale Bindung.
  • Burnout als Ausgangspunkt: Die Treats lösen ein echtes Bedürfnis: Auszeit, Pause, Entschleunigung – nicht bloß Konsum.
  • Anlasskommunikation: Produkte, die bewusst auf Momente wie Prüfungsphasen oder „Me-Time“ ausgerichtet sind, performen besonders gut.
  • Digitaler Appeal: Produkte müssen nicht nur gut sein – sie müssen teilbar sein. „Shareable Looks“ will man fotografieren, teilen, speichern.

Verbindungen statt Trendwelle

Kurz gesagt: Es geht nicht um große Budgets. Es geht um große Emotionen in kleinen Momenten. Meine persönliche Anmerkung: Es geht nicht darum, dass der Strawberry Matcha Latte schmeckt, er sieht einfach geil aus.

Marken, die diese Little Treats nicht als „Add-on“ behandeln, sondern als echtes kulturelles Phänomen verstehen, können daraus weit mehr machen als eine Trendwelle. Sie schaffen Verbindungen.

Denn am Ende geht es nicht um Lippenstift, Kaffee oder Duftkerzen. Es geht um das gute Gefühl, man habe sich was gegönnt. Und das kann – gerade in diesen Zeiten – unbezahlbar sein.

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